Kinder- und Jugendmedienschutz braucht Medienbildung, Forschung und verlässliche Strukturen
Am 24. Juni veröffentlicht die Expertenkommission „Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt“ ihre Handlungsempfehlungen. Die Kommission wurde eingesetzt, um Perspektiven aus Wissenschaft, Praxis, Recht, Politik und Zivilgesellschaft zusammenzuführen und Empfehlungen für einen zeitgemäßen Kinder- und Jugendmedienschutz zu formulieren. Für das JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis ist dieser Prozess von besonderer Bedeutung: Direktorin Dr. Susanne Eggert ist als Expertin Mitglied der Kommission.
Die Empfehlungen machen deutlich, dass Kinder- und Jugendmedienschutz in der digitalen Welt nicht auf technische Schutzmaßnahmen, Altersgrenzen oder Verbote reduziert werden kann. Notwendig ist ein Zusammenspiel aus Schutz, Befähigung und Teilhabe. Kinder und Jugendliche müssen vor Risiken geschützt werden. Zugleich brauchen sie Möglichkeiten, digitale Medien zu verstehen, kritisch zu reflektieren, kreativ zu nutzen und ihre Rechte in digitalen Räumen wahrzunehmen.
Aus medienpädagogischer Perspektive sind mehrere Handlungsempfehlungen besonders relevant.
Ein zentraler Punkt ist die frühe Medienbildung. Medienerziehung beginnt nicht erst mit dem ersten eigenen Smartphone. Bereits in den ersten Lebensjahren erleben Kinder digitale Medien im Familienalltag – durch Bildschirme, Kommunikation, Fotos, Videos, Sprachassistenten oder andere digitale Anwendungen und zunehmend auch KI-gesteuertes Spielzeug. Deshalb ist es wichtig, Familien frühzeitig zu beraten und zu unterstützen. Die Handlungsempfehlungen betonen hier die Rolle von Beratung vor der Geburt und in den ersten Lebensmonaten sowie das Potenzial von Frühen Hilfen und Kindertageseinrichtungen. Diese Strukturen sind nah am Alltag von Familien und können Orientierung geben, ohne Eltern zu moralisieren oder zu überfordern.
Damit frühe Medienbildung gelingen kann, braucht es qualifizierte Fachkräfte. Medienpädagogik muss verbindlicher Bestandteil der Aus-, Fort- und Weiterbildung in der frühen Bildung werden. Auch in pädagogischen Studiengängen, in der Sozialen Arbeit und in der Lehrkräftebildung muss Medienpädagogik systematisch verankert werden. Digitale Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen sind kein Zusatzthema, sondern Teil ihres Aufwachsens. Fachkräfte, die Kinder, Jugendliche und Familien begleiten, benötigen deshalb fundierte medienpädagogische Kompetenzen.
Auch für die Kinder- und Jugendhilfe setzen die Empfehlungen wichtige Akzente. Medienpädagogische Arbeit braucht pädagogische Handlungsspielräume. Die Empfehlung, den Umgang mit Alterskennzeichen von Games und anderen Angeboten in der Jugendhilfe zu flexibilisieren, ist aus Sicht des JFF bedeutsam. Alterskennzeichen bleiben ein wichtiges Instrument des Jugendmedienschutzes. In pädagogisch begleiteten Settings müssen Fachkräfte jedoch digitale Phänomene aufgreifen können, die für junge Menschen relevant sind. Games, Plattformen, Memes, Influencing, KI-Anwendungen oder Online-Konflikte lassen sich nicht sinnvoll bearbeiten, wenn sie aus pädagogischen Räumen ausgeklammert werden. Entscheidend ist eine fachlich begründete, reflektierte und verantwortliche Begleitung.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Forschung. Die Handlungsempfehlungen betonen die Notwendigkeit, Forschung zur Medienaneignung von Kindern und Jugendlichen zu fördern. Das ist zentral, weil Kinder- und Jugendmedienschutz nur dann wirksam gestaltet werden kann, wenn er an den tatsächlichen Erfahrungen, Praktiken und Lebenslagen junger Menschen ansetzt. Wie Kinder und Jugendliche Medien nutzen, deuten, verhandeln, meiden, umgestalten oder in ihre sozialen Beziehungen integrieren, verändert sich kontinuierlich. Medienpädagogische Forschung kann dazu beitragen, diese Entwicklungen differenziert zu verstehen und daraus tragfähige Konzepte für Praxis, Politik und Regulierung abzuleiten.
Für das JFF ist klar: Kinder- und Jugendmedienschutz ist eine gemeinsame Gestaltungsaufgabe. Er gelingt nicht allein durch Regulierung, nicht allein durch App-Einstellungen und nicht allein durch pädagogische Einzelprojekte. Er braucht verlässliche Strukturen, qualifizierte Fachkräfte, zugängliche Angebote, kontinuierliche Forschung und die konsequente Beteiligung von Kindern und Jugendlichen.
Die Handlungsempfehlungen der Expertenkommission bieten dafür eine wichtige Grundlage. Entscheidend wird nun sein, sie in konkrete Strategien, dauerhafte Finanzierung und handlungsfähige Strukturen zu übersetzen – in Bildung, Jugendhilfe, Forschung, Politik und Plattformverantwortung.
Steckbrief
Ansprechpersonen
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Dr.
Susanne
Eggert
Direktorin mit Schwerpunkt fachliche Leitung
susanne.eggert@jff.de
+49 89 68 989 152
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