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2021 | Forschung

Flucht als Krise?

Neue Studie zur Berichterstattung über Flucht, Migration und Integration und zur themenbezogenen Aneignung durch Kinder und Jugendliche

Flucht, Migration und Integration sind zentrale Themen gesellschaftspolitischer Diskussionen und medialer Berichterstattung in Deutschland. In dem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Forschungsprojekt „Flucht als Krise?“ wurde untersucht, wie über diese Themen berichtet wird und wie sich Kinder und Jugendliche diese Themen aneignen. Im Fokus standen somit Heranwachsende – eine mit Blick auf ihre politische Sozialisation besonders relevante und doch selten untersuchte Altersgruppe.

 

Im jetzt veröffentlichten Buch werden zwei komplementäre Teilstudien vorgestellt. Zum einen wurde an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf eine standardisierte Inhaltsanalyse der Berichterstattung von Print-, TV-, Radio- und Online-Angeboten für Heranwachsende und Erwachsene durchgeführt. Zum anderen wurde am JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis in einer qualitativen Studie ermittelt, wie sich Kinder und Jugendliche medial vermittelte Informationen zu Flucht, Migration und Integration aneignen und wie sie mit den gesellschaftspolitischen Diskussionen und den humanitären Problemlagen von Geflüchteten umgehen.

 

Zentrale Ergebnisse der Medienanalyse sind:

  • Deutschlandzentrierte Berichterstattung. Im Vordergrund der Berichterstattung standen vor allem Ereignisse, die in Deutschland stattfanden. Ein Großteil der medialen Berichte thematisierte Probleme in Deutschland, für die deutsche politische Akteure verantwortlich seien und die durch Maßnahmen in Deutschland gelöst werden könnten. Die Situation in den Herkunftsländern der Geflüchteten, Ereignisse während der Flucht oder Entwicklungen in anderen Aufnahmeländern als Deutschland standen deutlich seltener im Fokus der Berichterstattung.
  • Berichterstattung über Flucht, Migration und Integration negativ und ereigniszentriert. Der Zuzug von Flüchtlingen wird beispielsweise häufiger als Gefahr und seltener als Chance bewertet. Flüchtlinge selbst bleiben in der Berichterstattung eine weitgehend stimmlose Masse, die nur selten zu Wort kommt. Dabei wird spezifischen Ereignissen besondere mediale Aufmerksamkeit geschenkt.
  • Unterschiede in der Berichterstattung von Medienangeboten für Erwachsene und Medienangeboten für Heranwachsende: Letztere liefern häufiger Hintergrundinformationen, die zum Verständnis und zur Einordnung des politischen wie gesellschaftlichen Diskurses über Flucht, Migration und Integration wichtig sind. Zudem wurde in den Medienangeboten für Heranwachsende ausgewogener über Maßnahmen zur Liberalisierung und Begrenzung des Flüchtlingszuzugs berichtet.
  • Dominante Thematisierung männlicher Flüchtlinge aus wenigen Herkunftsländern: Männliche Flüchtlinge werden weitaus häufiger thematisiert und auf Bildern und Videos dargestellt als weibliche Flüchtlinge. Darüber hinaus wird deutlich, dass vor allem über Menschen aus Syrien, dem Irak und Afghanistan berichtet wurde. Ein Abgleich mit der Asylstatistik zeigt, dass männliche Flüchtlinge in der Berichterstattung überrepräsentiert waren, während die mediale Repräsentation unterschiedlicher Nationalitäten der Asylstatistik ähnelte – mit Ausnahme von Menschen aus Afghanistan, die in den Medien überrepräsentiert waren.

 

Zentrale Ergebnisse der Aneignungsstudie sind:

  • Heranwachsenden nehmen das Thema Flucht vor allem über Medien wahr. Eine teilstandardisierte Befragung der 10 bis 16-jährigen Studienteilnehmer*innen hat gezeigt, dass vor allem das Internet und Fernsehen die Orte sind, an denen sie dem Thema begegnen. Gerade nichtjournalistische Inhalte in Social-Media-Angeboten können auch herausfordernd für Kinder und Jugendlichen sein, wenn sie dort lebensbedrohliche Situationen für Geflüchtete, Anfeindungen in Online-Diskussionen oder auch Inhalte mit rassistischen Übergriffen oder (aus ihrer Sicht) extremistische Botschaften wahrnehmen. Nichtmediale Berührungspunkte, wie etwa in der Schule, der Familie oder der direkte Kontakt zu Geflüchteten spielt demnach für die meisten Befragten eine untergeordnete Rolle. 
  • Von Heranwachsenden angesprochene Themenfacetten von Flucht, Migration und Integration sind weitgehend mit Analyseergebnissen übereinstimmend – mit einem gewichtigen Unterschied. Die Heranwachsenden benannten ein Spektrum von Themen, das sich zu drei Problemfeldern bündeln lässt: die humanitäre Notlage der Geflüchteten, eine Gefährdung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung sowie Brüche in der Gesellschaft. Auffällig ist, dass eine ausgeprägte Problemwahrnehmung in einem dieser Bereiche mit einer bedeutenden Rolle von  Medien und medialer Kommunikation zusammenfällt. Ein Themenaspekt, den ein Teil der befragten Heranwachsenden weniger in der journalistischen Berichterstattung und eher in Social Media oder im nichtmedialen Alltag verortet, sind Diskriminierungserfahrungen in Deutschland.
  • Trotz der gesellschaftlichen Kontroverse um das Thema Flucht bleiben Kinder und Jugendliche weitgehend Rezipientinnen und Rezipienten. SocialMedia-Angebote spielen für den Kontakt mit dem Thema zwar eine Rolle, nur wenige suchen hier aber gezielt nach themenbezogenen Informationen. Auch für die Kommunikation über das Thema Flucht oder die Beteiligung an themenbezogenen Diskussionen spielen Social-Media-Angebote kaum eine Rolle.
  • Die Heranwachsenden formulieren hohe Ansprüche an die Qualität der Darstellung des Themas Flucht, Migration und Integration in der klassischen Berichterstattung und in Social Media. Die Heranwachsenden beziehen sich bei der Bewertung der Angebote weitgehend auf gängige journalistische Qualitätsmaßstäbe. So erwarten die Befragten von Medienbeiträgen über das Thema eine wahrheitsgetreue Darstellung. Zudem ist ihnen eine unverfälschte und ausführliche Kontextualisierung wichtig. Neben solchen journalistischen Maßstäben spielt für sie aber auch Glaubwürdigkeit eine Rolle.

 

Auf Basis der Studienergebnisse werden im Buch übergreifende Schlussfolgerungen aus der Perspektive der Kommunikationswissenschaft, Medienpädagogik und Medienethik für die Forschung und die pädagogische Arbeit diskutiert.

Konkrete Handreichungen für die journalistische Arbeit und pädagogische Praxis liegen bereits vor:

Inhaltsverzeichnis

1 Flucht in den Medien. Grundlagen zur Einordnung der medialen Berichterstattung und subjektiver Aneignungsprozesse Heranwachsender
Niels Brüggen, Ole Kelm, Marco Dohle & Eric Müller
1.1 Berichterstattung über Flucht – mehr als eine Sachfrage
1.2 Mediale Präsenz des Themas und Haltungen in der Bevölkerung
1.3 Vorstellung der Buchstruktur

2 Die Berichterstattung in Deutschland über Flucht, Migration und Integration
Ole Kelm, Marco Dohle & Marike Bormann
2.1 Forschungsstand
2.1.1 Die Berichterstattung bis zur sogenannten Flüchtlingskrise 2015/2016
2.1.1.1 Anteil der Berichterstattung
2.1.1.2 Thematische Schwerpunkte
2.1.1.3 Framing der Berichterstattung
2.1.1.4 Tenor der Berichterstattung
2.1.1.5 Merkmale der thematisierten Migrantinnen und Migranten
2.1.1.6 Akteure in der Berichterstattung
2.1.1.7 Visuelle Darstellung von Migrantinnen und Migranten
2.1.1.8 Einflussfaktoren auf die Berichterstattung
2.1.2 Die Berichterstattung seit der sogenannten Flüchtlingskrise 2015/2016
2.1.2.1 Thematische Schwerpunkte
2.1.2.2 Framing der Berichterstattung
2.1.2.3 Tenor der Berichterstattung
2.1.2.4 Merkmale der thematisieren Migrantinnen und Migranten
2.1.2.5 Akteure in der Berichterstattung
2.1.2.6 Visuelle Darstellungen von Migrantinnen und Migranten
2.1.2.7 Einflussfaktoren auf die Berichterstattung
2.1.3 Zielgruppenspezifische Berichterstattung für Heranwachsende
2.1.4 Zwischenfazit und Forschungsfragen
2.2 Methode
2.2.1 Auswahl und Speicherung der Medienangebote
2.2.2 Sichtung und Identifikation relevanter Medienbeiträge
2.2.3 Stichprobenziehung und Sample
2.2.4 Codierung
2.3 Ergebnisse
2.3.1 Wie intensiv war die Berichterstattung über Flucht, Migration und Integration?
2.3.2 Welche Unterschiede gab es in der Berichterstattung von Medienangeboten für Erwachsene und der Berichterstattung von Medienangeboten für Heranwachsende?
2.3.2.1 Regionaler Fokus der Berichterstattung
2.3.2.2 Framing der Berichterstattung
2.3.2.3 Thematisierte Konsequenzen des Flüchtlingszuzugs in der Berichterstattung
2.3.2.4 Tenor der Berichterstattung
2.3.2.5 Merkmale und Einstellungen der thematisierten Flüchtlinge
2.3.2.6 Akteure in der Berichterstattung
2.3.2.7 Visuelle Darstellung von Flüchtlingen in der Berichterstattung
2.3.3 Welche Unterschiede gab es in der Berichterstattung zwischen verschiedenen Medienangeboten für Heranwachsende?
2.3.3.1 Welche Unterschiede gab es in der Berichterstattung zwischen Kindermedienangeboten und Jugendmedienangeboten?
2.3.3.2 Wie unterschieden sich die Inhalte von YouTubern und massenmedialen Angeboten für Heranwachsende?
2.3.4 Welche Unterschiede gab es in der Berichterstattung zwischen verschiedenen Medienangeboten für Erwachsene?
2.3.4.1 Gattung der Medienangebote
2.3.4.2 Redaktionelle Linie und Genre von Printangeboten
2.3.4.3 Finanzierung der Medienangebote
2.3.4.4 Regionale Verbreitung der Medienangebote
2.4 Fazit

3 Mediale und soziale Aneignung des Themenkomplexes Flucht, Migration und Integration durch Heranwachsende
Christa Gebel, Eric Müller, Maximilian Schober, Laura Cousseran, Nadja Jennewein & Niels Brüggen
3.1 Vorliegende Befunde zur medialen und sozialen Aneignung des Themenkomplexes Flucht, Migration und Integration durch Heranwachsende
3.1.1 Wertorientierungen und politische Einstellungen zu Flucht, Migration und Integration
3.1.2 Soziale Bezüge als Informationsquellen und Austauschforum zum Themenkomplex Flucht, Migration und Integration
3.1.3 Vorstellungen zum Themenkomplex Flucht, Migration und Integration
3.1.4 Mediale Informationsquellen zum Themenkomplex Flucht, Migration und Integration
3.1.5 Informationsorientierte Mediennutzung und Bewertung durch Heranwachsende
3.1.5.1 Informationen zum aktuellen Weltgeschehen
3.1.5.2 Allgemeine und politische Informationen
3.1.6 Zusammenfassung und Forschungsbedarf
3.2 Anlage und Methode der Aneignungsstudie
3.2.1 Forschungsfragen
3.2.2 Anlage der Studie im Überblick
3.2.3 Forschungsethische Begleitung
3.2.4 Auswahl der Schulklassen
3.2.5 Phase I
3.2.5.1 Der teilstandardisierte Fragebogen
3.2.5.2 Kleingruppeninterviews mit Kreativaufgabe
3.2.6 Phase II
3.2.6.1 Durchführung der Kleingruppeninterviews
3.2.6.2 Auswertung ausgewählter Kleingruppeninterviews
3.2.6.3 Verdichtung der Deskriptionen und Interpretation
3.2.7 Phase III
3.2.7.1 Die Befragten
3.2.7.2 Leitfadengestützte Einzelinterviews
3.3 Themenbezogene Mediennutzung der Heranwachsenden
3.3.1 Interesse am Thema Flucht und geflüchtete Menschen
3.3.2 Begegnung mit dem Thema
3.3.3 Informationssuche zum Thema
3.3.4 Fluchtbezogene Social-Media-Tätigkeiten
3.4 Wahrgenommene Facetten des Themenkomplexes Flucht, Migration und Integration
3.4.1 Existenzielle Not der Geflüchteten
3.4.2 Europäisches und deutsches Migrationsregime
3.4.2.1 Abschiebungen von Geflüchteten
3.4.2.2 Aufnahme von Geflüchteten und die sozialpolitischen und ökonomischen Folgen dieser Aufnahme
3.4.3 Unterschiede zwischen Geflüchteten und einer angenommenen Mehrheitsgesellschaft
3.4.4 Erfahrungen mit Kontakten zu Geflüchteten
3.4.5 Rassismus
3.4.6 Kriminalität und Straftaten ausgehend von Geflüchteten
3.4.7 Islamistischer Extremismus
3.4.8 Gesellschaftliche Kontroverse
3.5 Bewertung von medialen Angeboten in Zusammenhang mit dem Themenkomplex Flucht, Migration und Integration
3.5.1 Kriterien für die Bewertung der medialen Darstellung des Themenkomplexes Flucht, Migration und Integration
3.5.1.1 Glaubwürdigkeit
3.5.1.2 Verständlichkeit
3.5.1.3 Multiperspektivität sowie Meinungs- und Themenvielfalt
3.5.1.4 Neutralität
3.5.2 Kriterien für die Bewertung medialer Strukturen im Hinblick auf die Behandlung des Themenkomplexes Flucht, Migration und Integration
3.5.2.1 Möglichkeit des individuellen Informierens
3.5.2.2 Möglichkeit zur Diskussion und Meinungsäußerung
3.5.2.3 Verfügbarkeit
3.5.2.4 Übersichtlichkeit
3.5.3 Persönliche Funktion von Medien als Bewertungskriterium im Hinblick auf die Behandlung des Themenkomplexes Flucht, Migration und Integration
3.6 Problem- und Krisensicht Heranwachsender
3.6.1 Herleitung und Operationalisierung von Krisenwahrnehmung
3.6.2 Analyse der Krisenwahrnehmung in den Kleingruppeninterviews
3.6.3 Drei Felder der Problem- und Krisenwahrnehmung Heranwachsender
3.6.3.1 Wahrnehmung der humanitären Notlage Geflüchteter
3.6.3.2 Wahrnehmung einer Gefährdung der öffentlichenSicherheit und Ordnung
3.6.3.3 Wahrnehmung einer gesellschaftlichen Spaltung
3.6.4 Übergreifende Betrachtung der Rolle von Medien und sozialen Bezügen für die Problem- und Krisenwahrnehmung
3.7 Bewältigung durch Heranwachsende
3.7.1 Herleitung des Bewältigungsbegriffs
3.7.2 Vorgehensweise
3.7.3 Ergebnisüberblick
3.7.4 Die Gruppen im Einzelnen
3.7.4.1 Handlungsfähigkeit der Aufnahmegesellschaft (HA)
3.7.4.2 Reaktion der Aufnahmegesellschaft (RA)
3.7.4.3 Diskriminierung Geflüchteter (DG)
3.7.4.4 Notlage Geflüchteter (NG)
3.7.4.5 Bedrohung der Aufnahmegesellschaft (BA)
3.7.4.6 Bedrohung der Aufnahmegesellschaft/Notlage Geflüchteter (BA/NG)
3.7.5 Bewältigung in den Gruppen
3.8 Zwischenfazit

4 Perspektiven
4.1 Zwischen Problemen und Krisen in der medialen Darstellung und deren Wahrnehmung
Niels Brüggen
4.2 Diskussion der Ergebnisse aus kommunikationswissenschaftlicher Perspektive
Ole Kelm, Marco Dohle & Gerhard Vowe
4.2.1 Erträge des Forschungsprogramms
4.2.2 Wirkungsvermutungen
4.3 Diskussion der Ergebnisse aus medienpädagogischer Perspektive
Niels Brüggen & Eric Müller
4.3.1 Die Auseinandersetzung mit gesellschaftlicher Zugehörigkeit bei der Aneignung des Themenkomplexes
Flucht, Migration und Integration in den Medien
4.3.2 Zur themenbezogenen Partizipation von Heranwachsenden angesichts „partizipativer“ Mediendienste
4.3.2.1 Vielfältige Hemmnisse für Partizipation im Sozialraum
4.3.2.2 Förderung von Partizipation mithilfe der aktiven Medienarbeit
4.4 Diskussion der Ergebnisse aus medienethischer Perspektive
Susanna Endres & Alexander Filipović
4.4.1 Zur ethischen Relevanz des Themenkomplexes Flucht, Migration und Integration in den Medien
4.4.2 Der medienethische Blick auf das Forschungsfeld
4.4.3 Umgang mit herausfordernden Medieninhalten
4.4.4 Zur Verantwortung der jugendlichen Rezipierenden
4.5 Desiderata und Ausblick
Ole Kelm, Marco Dohle, Eric Müller & Niels Brüggen
Literaturverzeichnis
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