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2020 | Praxis | Forschung

Jahresbericht 2019

70 Jahre und kein bisschen leise

Vor sieben Jahrzehnten trat das Grundgesetz in Kraft. Dieses weist in seinem Artikel 5 eigens auf die große Bedeutung der Medien für ein funktionierendes demokratisches Gemeinwesen hin. Im selben Jahr machte sich in München ein kleiner Verein auf, um die Medienpädagogik in Deutschland voranzutreiben. Am 21. Dezember 1949 wurde der „Arbeitskreis Jugend und Film e. V.“ im pädagogischen Seminar der Universität München gegründet. Vorsitzender des Vereins war Prof. Dr. Martin Keilhacker, der die Bedeutung eines sinnvollen Umgangs mit Rundfunk und Fernsehen betonte und dies schon damals als wichtiges Element in Unterricht und Weiterbildung erkannte. Sechs Jahrzehnte später, 2009, schrieb die Bundesregierung in ihrem Jahresbericht: „Medienkompetenz ist neben Lesen, Schreiben und Rechnen eine vierte Kulturtechnik.“ 

Von 1969 bis 1983 war Prof. Dr. Dr. Hans Schiefele Vorsitzender des Vereins. 2019 wurde er 95 Jahre. Nach wie vor ist er ein faszinierender Denker, der den Medien und vor allem den jungen Menschen stets zugewandt ist. Sein Modell des interessengeleiteten Handelns prägt die Arbeit des JFF bis heute. In der Amtszeit von Hans Schiefele am JFF lag ein Fokus auf der Verankerung der Medienpädagogik in die Lehrerausbildung und Lehrpläne, damit sie als fachübergreifendes Unterrichtsprinzip präsent ist. 

Dass das JFF schon früh medienpädagogische Strukturen entwickelt und verstetigt hat, zeigt beispielhaft auch das Netzwerk Medienfachberatung in Bayern, das ab 1959 entstanden ist. Lange waren die Medienfachberater*innen überwiegend ehrenamtlich aktiv, heute sind sie hauptberuflich tätig, weiterhinarbeiten wir eng zusammen. Diese einmalige flächendeckende Struktur medienpädagogischer Arbeit in Bayern gilt bundesweit als vorbildlich. 

1976 erhielten das Arbeitszentrum und das wissenschaftliche Institut den gemeinsamen Namen „Institut Jugend Film Fernsehen“, Träger wurde der JFF – Jugend Film Fernsehen e. V. Dies war die Zeit, als mein unmittelbarer Amtsvorgänger Prof. Dr. Bernd Schorb ans JFF kam: zuerst wissenschaftlicher Mitarbeiter, dann Geschäftsführer und von 1996 bis 2017 Vorsitzender des Vereins. Heute begleitet er die Arbeit des JFF unter anderem noch als Mit-Herausgeber der Zeitschrift merz | medien+ erziehung, die seit 62 Jahren erscheint. Seit über 15 Jahren einmal jährlich auch als merz-Wissenschaft. Diese Ausgabe widmet sich immer einem Kernthema aus wissenschaftlicher Perspektive.

Aufbauend auf den zwischen 1969 und 1973 begonnenen empirischen Studien über Funktion und Wirkung des Fernsehens bei Kindern im Vorschulalter gab es in den 80er Jahren zunehmend vielfältige Forschungsaktivitäten. Von Anfang an hatte das JFF ein Alleinstellungsmerkmal: Forschung und Praxis unter einem Dach. Die Forschung ist praxisorientiert und die Praxis ist wissenschaftlich und pädagogisch fundiert. Für diesen Ansatz stand auch Prof. Dr. Helga Theunert, die ehemalige wissenschaftliche Direktorin des JFF.

1982 wurde dann das Medienzentrum München (MZM) als erste Praxiseinrichtung etabliert. Den Jugendlichen eine Stimme zu geben, sie in den Gruppenprozessen zu begleiten und Öffentlichkeit für ihre Werke zu schaffen, war und ist ein Kernanliegen des JFF. Eine der ersten Jugendproduktionen war der Film „Vlachodeutsch“. Ein neu zugezogener griechischer Junge versucht, sich in der „neuen Welt“ zurechtzufinden. Und wenn man den Film ansieht, erkennt man Themen, die heute so aktuell sind wie damals. In diesem Sinne darf das JFF mit einigem Stolz auf das Festival KINO ASYL verweisen, das im Jahr 2019 bereits zum vierten Mal gemeinsam mit vielen Partnern in München vom JFF organisiert wurde. Unseren Partnern bei der Stadt München gilt mein Dank für die Förderung des MZM ebenso wie für die Unterstützung bei wichtigen Projekten wie KINO ASYL oder auch dem Münchner Jugendfilmfestival flimmern&rauschen.

Theoretische Grundlage für die Arbeit des MZM ist das Konzept der „Aktiven Medienarbeit“, das vor allem Dr. Fred Schell mit seinem gleichnamigen Buch grundlegte. Dieses gilt bis heute als ein Standardwerk der Medienpädagogik. Die aktive Medienarbeit will Kindern und Jugendlichen Gehör verschaffen – ein zentrales Anliegen des JFF bis heute. 1985 wurde die Medienstelle Augsburg (MSA) eröffnet. Die MSA hat sich in Augsburg etabliert, Konstanz gewahrt, und Neues erprobt. Dies auch dank der Unterstützung durch die Stadt Augsburg, die die Finanzierung sicherstellt. Neu hinzugekommen ist in den letzten Jahren auch eine enge Zusammenarbeit mit dem Landkreis Augsburg, der als starke Bildungsregion die Bedeutung der Medienpädagogik im Kontext der Digitalisierung erkannt hat und fördert. Bei unseren Medienzentren handelt es sich wahrlich nicht um Eintagsfliegen, bis heute sind sie zentrale Säulen der lokalen Medienarbeit und dadurch wichtiger Teil der Identität des JFF.

Im Jahr 1990 wurde in Berlin der fast gleichnamige Verein JFF – Institut Jugend Film Fernsehen Berlin Brandenburg e. V. als Partnereinrichtung und in München der kopaed-Verlag gegründet. Ebenfalls setzte das JFF Maßstäbe hinsichtlich der Programmeinschätzung von Kinderfernsehen in den 90ern. Ein Konzept waren die „Begleiter der Kindheit“ und so erforschte das JFF mit neuartigen qualitativen Methoden Zeichentricksendungen und deren Rezeption durch Kinder. Parallel dazu wurde, maßgeblich durch die Landesmedienanstalten, der Verein „Programmberatung für Eltern“ gegründet und die erste Ausgabe des FLIMMO erschien. Der FLIMMO verbindet uns eng mit der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien. Wir sind der BLM und dem Verein sehr dankbar für die Zusammenarbeit und den Mut, in den 90er Jahren dieses eigentlich zeitlose Projekt mit uns gestartet zu haben. Wir freuen uns auf die Veränderungen, die in diesem Bereich nun anstehen, denn Fernsehen ist längst nicht mehr linear zu denken.

1999 hat das JFF sein 50-jähriges Bestehen gefeiert. In diesem Rahmen wurde die Geschäftsstelle in „JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis“ umbenannt. Vieles hat sich verändert, zentrale Themen sind gleich geblieben. So leitet der ressourcenorientierte Blick auf benachteiligte Kinder und Jugendliche im Kontext sozialer Ungleichheit auch heute die Forschung und Praxis des JFF. Beispielhaft dafür sind die BMBF-Studie „Medienhandeln in Hauptschulmilieus“ sowie das Modellprojekt „erzählkultur“. Hier wird Kindern, vor allem solchen mit Migrationshintergrund, über das aktive Arbeiten mit Medien Lust am Erzählen gemacht und damit der sprachliche Ausdruck gefördert.

Darüber hinaus leiten Werte unser Handeln ganz entscheidend. Dies spiegelt sich in unseren Projekten, aber auch in unserem Engagement im Wertebündnis Bayern wider. In Zeiten von Fake-News, extremistischen Tendenzen, weltweiten Medienangeboten und einer starken Kommerzialisierung des Medienmarktes ist eine Auseinandersetzung mit ethischen Fragen im Hinblick auf Medien aktueller denn je.

Von Anfang an hat das bayerische Kultusministerium den „Arbeitskreis Jugend und Film e. V.“unterstützt, weil es den Wert der Medienpädagogik erkannt hat. Seit 2013 ist das JFF im Sozialministerium ressortiert – und auch dort genießt die Arbeit des JFF eine hohe Wertschätzung. Mit dem Sozialministerium verbindet das JFF nicht nur die institutionelle Förderung, sondern es konnten und können auch wichtige Projekte, wie die Plattform webhelm.de oder die Studie „Mobile Medien in der Familie“ gemeinsam umgesetzt werden. Die ebengenannte Studie trägt intern das schöne Kürzel MoFam. Darin spiegelt sich eine historisch gewachsene und intensiv gepflegte Vorliebe des JFF für Akronyme wider: MoMimA, MeKriF, PADIGI, MEDEL, BIBER, EMELS, KAJUTO, LooM, Judig und viele mehr.

Eine der großen Herausforderungen des derzeitigen Vorstands, gemeinsam mit der Leitung der Geschäftsstelle ist es, Überzeugungsarbeit dafür zu leisten, dass die institutionelle Förderung des JFF an die stark erweiterten Aufgabenbereiche angepasst werden sollte. Im Bayerischen Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales haben wir einen Geldgeber und Partner, der diese Überzeugung mit uns teilt. Für die Unterstützung möchte ich mich ganz herzlich bedanken.

Seit 2016 sind die Räume der Geschäftsstelle nicht mehr in Giesing, sondern in der Arnulfstraße in München. Seit 2017 haben wir auch ein Büro in Berlin. Trotz dieser vier Orte aber wären wir ganz schön alleine, wenn wir nicht unsere Förderer, Partner*innen und Freund*innen hätten. Einige wurden bereits genannt, alle kann ich leider nicht nennen. An dieser Stelle aber möchte ich stellvertretend dem Bayerischen Jugendring und dem Medienzentrum Parabol für die langjährige, vertrauensvolle und inspirierende Zusammenarbeit danken. Und natürlich allen Mitgliedern des JFF sowie den ehemaligen und aktuellen Mitgliedern im Vorstand des JFF. Herzlichen Dank für die Unterstützung und die Bereitschaft zu diesem ehrenamtlichen Engagement.

Seit einigen Jahren erleben wir, dass die Digitalisierung in so vielen gesellschaftlichen Bereichen mit einer stark anwachsenden Nachfrage und Wertschätzung der intellektuellen und praktischen Arbeitsergebnisse des JFF einhergeht. Die Leitung der Geschäftsstelle mit Kathrin Demmler, Dr. Niels Brüggen und Mareike Schemmerling und das engagierte Team des JFF haben mit wichtigen, neuen Projekten in Forschung und Praxis alle Hände voll zu tun. Vielleicht wird man in einer Rückschau in 30 Jahren, dann zum 100. Geburtstag, einmal sagen, dass die Kompetenzen des JFF in den 2020er Jahren so relevant und nachgefragt waren, weil sie so passgenau für eine positive und menschliche Gestaltung des digitalen Wandels für und durch Kinder und Jugendliche standen.

 

Prof. Dr. Frank Fischer
Vorsitzender des JFF – Jugend Film Fernsehen e. V.

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mit der Geschäftsstelle:

JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis

Ansprechpersonen im Sekretariat: Gabriele Fella und Verena Höhme

Arnulfstr. 205
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+49 89 68 989 0
+49 89 68 989 111
jff@jff.de
www.facebook.com/JFF.Institut
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Medienzentrum München des JFF (MZM)

Ansprechperson Sekretariat: Martina Bloech

Rupprechtstr. 29
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+49 89 12 665 30
+49  89 12 665 324
www.medienzentrum-muc.de
mzm@jff .de

Medienstelle Augsburg des JFF (MSA)

Willy-Brandt-Platz 3
86153 Augsburg

+49 821 32 429 09
www.jff.de/msa
msa@jff.de
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