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2013 | Forschung

Wie verändert das web.2.0 Jugendarbeit?

Beitrag von Niels Brüggen in K3, dem Magazin des Kreisjugendrings München-Stadt

Würde sich Jugendarbeit allein danach richten, wo Jugendliche einfach erreichbar sind, müssten schon längst alle in facebook und Co. vertreten sein. Doch Jugendarbeit läuft nicht einfach nur hinterher – auch nicht, wenn sie sich als aufsuchende versteht. Und so sind die Veränderungen von Jugendarbeit, die mit der fraglos gestiegenen Bedeutung von Web 2.0-Diensten für Jugendliche einhergehen, vieldimensionaler.

Ausgehend von den Themen Anerkennung, Partizipation und Sozialräume werden im Folgenden wichtige Veränderungen im Aufgabenfeld von Jugendarbeit angesprochen.

Inhaltsverzeichnis

Anerkennung: Nicht weil Jugendliche Web 2.0-Dienste nutzen, sondern weil die Erfahrungen darin für deren Identitätsarbeit von Bedeutung sind, muss sich Jugendarbeit mit dem Medienhandeln von Jugendlichen beschäftigen und Jugendlichen bei ihrer Lebensgestaltung mit Medien unterstützende Angebote machen. Dabei erweist sich Anerkennung als zentral. Jugendarbeit muss Arbeitsformen mit dem Web 2.0 finden, die relevante Erfahrungen von Anerkennung für Jugendliche bereithalten. Zugleich muss Jugendarbeit aber auch die Auseinandersetzung mit der Tauglichkeit von Inszenierungsformen im Web unterstützen, die Aufmerksamkeit und Resonanz bringen. Mit einer Präsenz auf facebook, um Jugendliche schnell zu informieren, kann dieser Anspruch sicher nicht erfüllt werden. Vielmehr müssen darüber hinausgehende Angebotsformen entwickelt werden.

 

Partizipation: Mit ‚Sozialen Medien‘ werden häufig Chancen für die Partizipation von Jugendlichen verbunden. Mitunter wird geradezu ein Automatismus vermutet, dass der Einsatz von facebook und Co. schon ein Mehr an Partizipation mit sich bringt. Doch Online-Partizipation ist kein Selbstläufer und leider entwickeln sich manche gut gemeinte Ansätze zu Fehlformen der Partizipation. Z. B. wenn Anfragen von Jugendlichen nicht beantwortet werden oder wenn Jugendliche von sich aus sagen, dass Beteiligungsaufrufe von den pädagogischen Fachkräften ohnehin nicht beachtet würden und sie deshalb online schon gar nicht reagieren. Die Formen von Online-Partizipation (sich positionieren, sich einbringen und andere aktivieren) müssen aus Sicht der Jugendlichen thematisch relevant und von anderen anerkannt sein. Unter dieser Maßgabe ergeben sich tatsächlich neue Chancen für Partizipation in der Jugendarbeit mit dem Web 2.0.

 

Sozialräume: Soziale Interaktion ‚on‘ und ‚off‘ sind bei Jugendlichen meist hochgradig miteinander verbunden. So werden Konflikte z. B. selten nur on- oder nur offline ausgetragen. Die medial vermittelten Interaktionsräume sind als Teilbereiche der Sozialräume von Jugendlichen zu sehen. Für diese kann die Abbildung, Erweiterung, Überlappung oder auch Eingrenzung charakteristisch sein. Gerade die Überlappung von (vormals getrennten) Sozialräumen in Web 2.-Angeboten birgt aufgrund der Sichtbarkeit der Interaktionen für alle Freundinnen und Freunde Herausforderungen und kann zu Konflikten führen. Selten thematisiert wird auch, dass bei manchen Jugendlichen online sozialräumliche Beziehungen nicht abgebildet oder erweitert werden, sondern eine Eingrenzung zu beobachten ist. Gerade eine am Sozialraum orientierte Jugendarbeit muss diese Veränderungen von sozialräumlichen Bezügen aufgreifen. Auch die kommerzielle Struktur der bei Jugendlichen beliebten Angebote muss dabei mit Blick auf die Sozialraumaneignung von Jugendlichen betrachtet werden. Denn auch der von den Firmen geschriebene Code prägt die Formen der Sozialraumaneignung im Web 2.0 mit.

 

Nicht das Web 2.0 verändert Jugendarbeit, sondern Jugendarbeit muss sich selbst verändern, um Jugendliche bei den teils neuen Bewältigungsaufgaben zu unterstützen, dabei die Potenziale der Interaktionsdienste ausschöpfen zu können und nicht unreflektiert in kommerziellen Räumen zu agieren.

  • Jugendarbeit mit social media muss Mitsprachemöglichkeiten eröffnen – und Anerkennung ermöglichen. Web 2.0-Angebote bieten Mitsprachemöglichkeiten. Eine Aufgabe von Jugendarbeit ist es, Jugendlichen diese Mitsprachemöglichkeiten als sinnvolle Instrumente nahezubringen und hier relevante Angebote zu gestalten.
  • Jugendarbeit mit social media impliziert Öffentlichkeit (und Offenheit). Auch Professionelle müssen sich mit eigenen Accounts sichtbar machen, wodurch die Frage nach der professionellen und privaten Rolle im pädagogischen Verhältnis noch virulenter wird. Aber auch Prozesse der Arbeit und deren Ergebnisse werden potenziell auch von anderen einsehbar. Jugendarbeit muss Tools bereithalten, die gerade in der mobilen Arbeit wirklich vertrauliche und verschlüsselte Kommunikation ermöglichen.
  • Jugendarbeit mit social media erfordert eine Auseinandersetzung mit technologiebasierten, kommerziellen Angebotsformen. Jugendarbeit kommt nicht umhin, sich mit den bei Jugendlichen beliebten, (fast ausschließlich) kommerziellen Angeboten für die eigenen Arbeitszusammenhänge zu beschäftigen. Jugendarbeit mit dem Web 2.0 muss sich mithin immer auch als Verbraucherbildung verstehen.
  • Jugendarbeit mit social media bedeutet: Netzarbeit ist Arbeitszeit. „nine to five war gestern – jetzt ist immer“ drückt eine besondere Herausforderung für Jugendarbeit mit dem Web 2.0 aus. Die Frage ist, wie sich die permanente Kontaktmöglichkeit mit sozial verträglichen Arbeitszeiten verträgt und Jugendlichen diese Regelung transparent gemacht werden kann.
  • Jugendarbeit mit social media braucht und unterstützt fachliche Vernetzung und Austausch. Nicht zuletzt braucht Jugendarbeit mit dem Web 2.0 kontinuierliche Selbstreflexion und Weiterentwicklung: wegen der rasanten Weiterentwicklung auf der Angebotsseite, wegen neuer Entwicklungen im Medienhandeln von Jugendlichen, wegen Erfahrungen mit neuen Ansätzen in der Arbeit. Auch hier bietet social media ein Potenzial für den Austausch und die Vernetzung von Fachkräften, bspw. in der Gruppe ‚Medienpädagogik‘ auf facebook und in weiteren einschlägigen Angeboten.

(Die aufgezählten Punkte basieren auf den Überlegungen in Brüggen/Ertelt 2011.)

 

Literatur zum Weiterlesen:

 

Brüggen, Niels; Schemmerling, Mareike (2013): Identitätsarbeit und sozialraumbezogenes Medienhandeln im Sozialen Netzwerkdienst facebook. In: Wagner, Ulrike; Brüggen, Niels (Hg.): Teilen, vernetzen, liken. Jugend zwischen Eigensinn und Anpassung im Social Web. Baden-Baden: Nomos (BLM-Schriftenreihe Band 101), S. 141-210.

 

Brüggen, Niels; Ertelt, Jürgen (Hg.) (2011): „Jugendarbeit und social networks“ Grundlagen sowie Beiträge zur Momentaufnahme. Begleitende Online-Publikation zum merz-Themenheft „Jugendarbeit und social networks“ 3/11. Online verfügbar unter www.jff.de/merz/dateien/ePublikation_Jugendarbeit_und_socialnetworks.pdf

 

Brüggen, Niels; Ertelt, Jürgen (2011): Jugendarbeit ohne social media? Zur Mediatisierung pädagogischer Arbeit. In: merz – medien + erziehung. Zeitschrift für Medienpädagogik, 03/2011, S. 8-13.

 

Wagner, Ulrike; Brüggen, Niels (2012): Von Alibi-Veranstaltungen und „Everyday Makers“. Ansätze von Partizipation im Netz. In: Lutz, Klaus; Rösch, Eike; Seitz, Daniel (Hg.): Partizipation und Engagement im Netz. Neue Chancen für Demokratie und Medienpädagogik. München: kopaed. S. 21-42.

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