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Pressebericht Jahresauftakttagung: „Zwischen Schutz und Freiraum“

Ergebnisse der Teilstudie „Mobile Medien in Kindertageseinrichtungen“ sowie Relaunch des Online-Portals webhelm.de zur Unterstützung pädagogischer Fachkräfte

Wie nutzen Kinder das Internet? Welche Freiräume brauchen sie in der Medienwelt? Wo müssen wir sie schützen? Welche pädagogischen Ansätze gibt es? Diesen Fragen ging die Fachtagung des JFF – Institut für Medienpädagogik unter dem Titel „Zwischen Schutz und Freiraum: Herausforderungen kompetenter Mediennutzung“ nach, die am 27. Februar am Institut für Jugendarbeit in Gauting stattfand. Das JFF hatte dazu – gemeinsam mit der Aktion Jugendschutz (AJ) und dem Bayerischen Jugendring (BJR) – pädagogische Fachkräfte eingeladen, um u.a. weitere Ergebnisse der Langzeitstudie „Mobile Medien in Familien“ vorzustellen.

Gisela Schubert, eine der Autorinnen der Studie, präsentierte im Rahmen der Fachtagung vor mehr als 150 Teilnehmer_innen Erkenntnisse der zweiten Teiluntersuchung, die sich mit mobilen Medien und Internet im Kindesalter befasst und dabei den Fokus auf Kindertagesstätten gerichtet hat.

In insgesamt 178 qualitativen Interviews mit pädagogischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie Leitungen in 33 Einrichtungen der Kinderbetreuung aus ganz Bayern wurde ermittelt, welche Haltung dieser Personenkreis grundsätzlich zu mobilen Medien in seinen Einrichtungen hat. Zudem sollten in den Gesprächen beleuchtet werden, welche Rolle die pädagogischen Teams in der Medienerziehung einnehmen. In einem dritten Punkt ging es um die Ermittlung von Qualifizierungsbedarfe der Mitarbeitenden der Einrichtungen.

 


Zentrale Befunde der Studie sind:

1. Heterogenität in den Konzepten von Kindertagesstätten wird deutlich
Digitale und mobile Medien werden in den Konzeptionen der Einrichtungen auf unterschiedliche Arten thematisiert. Während einige der Einrichtungen digitale Medien in ihren Konzeptionen nicht aufgenommen haben und aus einigen Konzeptionen auch nicht hervorgeht, wie Medienerziehung in den Einrichtungen stattfindet, beschreiben andere Häuser in ihren Konzeptionen konkret, wie sie ihre medienpädagogische Arbeit umsetzen. Die Analyse unterstreicht insbesondere die Heterogenität hinsichtlich der Haltungen zu digitalen und mobilen Medien in Kindertageseinrichtungen. Es zeigt sich aber auch, dass in der Umsetzung digitale und mobile Medien bereits in allen Kindertageseinrichtungen Einzug gehalten haben, sei es als Organisations- oder Kommunikationsmittel, als Lernspielzeug oder – noch weniger verbreitet – als Werkzeug für die pädagogische Arbeit.

2. Persönliche Einstellungen wiegen mehr als äußere Rahmenbedingungen
Eine ebensolche heterogene und vielfältige Struktur wie in den Konzepten, zeigt sich in den Haltungen von pädagogischem Personal zum Einsatz digitaler Mediengeräte in ihren Einrichtungen. Die Studie macht dabei drei Gruppierungen fest, die sich in ihren Herangehensweisen maßgeblich voneinander unterscheiden. Sichtweisen reichen dabei von „Lieber machen wir was anderes“ über „digitale Medien schaffen vielfältige Lernmöglichkeiten“ bis zu „damit müssen wir uns anfreunden“. Es zeichnet sich insbesondere ab, dass weniger die äußeren Rahmenbedingungen von Einrichtungen ausschlaggebend sind, wie sich medienerzieherisches Handeln in Kindertageseinrichtungen darstellt. Wichtiger ist, wie überzeugt und überzeugend pädagogisches Personal die eigenen Einstellungen vertreten kann – insbesondere auf der Leitungsebene.

3. Ausrangierte Mobiltelefone gehören häufig zur Ausstattung von Betreuungseinrichtungen
Annäherungen an digitales Spielen in Kindertagesstätten verdeutlicht eine große Deckungsgleichheit mit den heterogenen Ansichten von pädagogischem Personal. Werden einerseits positive Stimmen in Bezug auf gemeinschaftliche Prozesse durch beispielsweise das Spielen an der Wii laut, ordnen andererseits sowohl Mitarbeitende als auch Leitungen digitalen Mediengeräten eine tendenziell vereinsamende Komponente zu. Überwiegend herrscht in diesem Kontext ein eher kritischer Ton. Als-ob-Spielzeug geht, also Objekte, die die Funktion von digitalen Mediengeräten einnehmen, beispielsweise auch ausrangierte Mobiltelefone, findet sich in fast allen Kindertageseinrichtungen. Die Geräte dabei in Rollenspielen einzusetzen, um Alltagserfahrungen spielerisch darzustellen, befürworten die Befragten ausnahmslos.



Studie entwickelt zukunftsweisende Aspekte für die Medienerziehung in Kindertagesstätten

Ein grundlegender Befund der Studie ist, dass digitale Medien in allen Einrichtungen des Samples angekommen sind – allerdings nicht unbedingt in der pädagogischen Arbeit. Mit Blick auf die analysierten Konzeptionen fällt positiv auf, dass Medienerziehung bei einem Großteil der Einrichtungen im Konzept eine Rolle spielt. Mit Blick auf die Haltungen des pädagogischen Personals ergibt sich dagegen ein durchaus breiteres Spektrum an Positionen, das auch eine vehement ablehnende Haltung gegenüber digitalen Medien in der pädagogischen Arbeit einer Kindertagesstätte einschließt. Insgesamt arbeitet die Teilstudie zukunftsweisende Aspekte heraus, die entscheidende Pfeiler für Medienerziehung in Kindertagesstätten darstellen. Exemplarisch seien hier genannt:

* Die Kind- und Zukunftsorientierung muss in der Entwicklung von Konzepten für die „digitale Bildung in Kindertagesstätten“ gestärkt werden.
* Innovationsförderliche Fortbildungskonzepte für das ganze Team müssen entwickelt werden, Wissen über digitale Spiel-Möglichkeiten muss zur Verfügung gestellt und neuartige Spielkonzepte sollten erprobt werden.

Zu Beginn der Tagung hatten Dr. Markus Reipen, Referatsleiter Jugendhilfe im Bayerischen Staatsministerium für Arbeit und Soziales, Familie und Integration, in seinem Grußwort die Bedeutung dieser Forschungsarbeit herausgehoben. In seinem Haus melde sich eine wachsende Zahl von Eltern, die nach Antworten auf die vielfältigen Fragen einer mediatisierten Welt und der Verortung von Kindern und Jugendlichen darin suchten. Die Studie des JFF werde helfen, diese drängenden Fragen zu systematisieren und zu beantworten. Ziel bleibe es, Kinder und Jugendliche in ihren Kompetenzen zu stärken. Eine wichtige Ressource stellt dabei die Plattform webhelm.de dar.
 

Dieses Angebot wurde komplett überarbeitet und ebenfalls auf der Tagung präsentiert. Neben Informationen zu aktuelle Medienangeboten sowie zu den Themenbereichen Datenschutz, Persönlichkeitsrechte, Konflikte und Recherchekompetenz bietet webhelm.de auch Konzepte für die pädagogische Arbeit sowie ausgearbeitete Ablaufpläne inklusive Materialien.

Die Vertreter des Veranstalters – JFF, AJ und BJR – hatten im Verlauf der Fachtagung betont, dass Freiraum in der Besetzung und Nutzung virtueller Räumer durch Kinder und Jugendliche für diese mindestens ebenso wichtig sei wie entsprechende Möglichkeiten in analogen Räumen. Diese Freiräume seien notwendig, um Erfahrungen der Selbstwirksamkeit, der Autonomie und der Kompetenz machen zu können. Nur so gelinge die „Aneignung von Welt“. Pädagog_innen und Eltern müssten in einem täglichen Aushandlungsprozess die Grenzen dieser Freiheit ausloten, um die Kinder und Jugendlichen vor existierenden Gefahren der Online-Welt zu schützen. Gelingen könne dies allerdings nur in einer Atmosphäre des gegenseitigen Vertrauens.

Das Lernen an realen Lebensbezügen – so auch in Online-Medien, für das sich Prof. Dr. Franz Josef Röll (Hochschule Darmstadt) aussprach, setze eine Komplementärpädagogik voraus, in der alle Beteiligten ihre Stärken einbringen und voneinander lernen könnten. So könne auch der Erfahrungsraum Internet als sinnstiftende Möglichkeit des Autonomiestrebens junger Menschen gestaltet werden. Kritisch hingegen müsse die Rolle der Anbieter von Inhalten im Internet gesehen werden. Verena Weigand (BLM) unterstrich, dass Jugendschutz notwendig sei, wenn er nicht als Einengung der Handlungsspielräume von Kindern und Jugendlichen gesehen werde, sondern als Leitplanke für Anbieter. Der zu beobachtenden Verwahrlosung im Internet durch gefährdende Inhalte sei nur schwer beizukommen. Hier müssten internationale Vereinbarungen getroffen werden. Dazu müsse Medienpädagogik beispielsweise aber auch deutlich politischer auftreten und die Belange von Heranwachsenden thematisieren.

Mobile Medien spielen im Bereich der Kindertagesstätten inzwischen eine wichtige Rolle. Eine völlige Verweigerung diesem Thema gegenüber sei ebenso falsch wie eine unreflektierte Nutzung alles technisch Machbaren. Im Sinne der Kinder sei vielmehr angeraten, eine pädagogisch durchdachte, kooperative und konstruktive Multioptionalität in der Aneignung der Welt zu schaffen. Dabei müssen sich die Ermöglichung von Interaktions- bzw. Freiräumen und geeignete Schutzmechanismen ergänzen, so das Fazit der Fachtagung.

Die Tagung sowie die Studie „Mobile Medien in der Familie“ und webhelm.de wurden durch das Bayerische Staatsministerium für Arbeit und Soziales, Familie und Integration gefördert.


Die vollständige Studie kann hier heruntergeladen werden.

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