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Dystopie einer Leistungsgesellschaft

Kinostart: JUGEND OHNE GOTT

Self Tracking-Tools wie Fitnessarmbänder oder Smartwatches sind heutzutage eine beliebte Form der Selbstüberwachung und Selbstoptimierung. Neben dem Spaßfaktor spiegelt sich in diesem Trend auch der Gedanke unserer digitalisierten Leistungsgesellschaft wider:
Schneller, Besser, Vernetzter!
Doch wohin führt uns dieser Weg? Der Kinofilm JUGEND OHNE GOTT widmet sich dieser Frage und zeichnet ein düsteres Zukunftsbild unserer Gesellschaft. Die dystopische Vision des "gläsernen Bürgers" fußt dabei auf einer Zuspitzung unserer aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen.

Das Filmdrama skizziert das Bild einer Gesellschaft, in der der Wert eines Menschen lediglich nach seinem körperlichen und geistigen Leistungsvermögen beurteilt wird. Auf Grundlage dieser Bewertung werden die Bürgerinnen und Bürger verschiedenen Sektoren zugeteilt: Die Leistungsstarken leben in Wohlstand, die Leistungsschwachen leben in Armut und Verwahrlosung. Das Zusammenleben ist von einem allgegenwärtigen Konkurrenzkampf geprägt und jeder Schritt wird digital dokumentiert und überwacht. Individualität besitzt keinen Stellenwert mehr. Stattdessen wird der einzig erstrebenswerte Lebensweg vom Staat vordefiniert. Persönliche Entfaltung als gesellschaftliches Gut weicht hier der Anpassung und Effizienz. Das Setting der Filmhandlung stellt ein entlegenes Camp in den Wäldern dar. Hier konkurrieren die Schülerinnen und Schüler einer Abschlussklasse um ihre Zukunft. Nur die Besten der Besten erhalten die Zulassung für einen der begehrten Plätze an der elitären Rowald-Universität. In verschiedenen Wettkämpfen müssen die Schülerinnen und Schüler ihr Können unter Beweis stellen und ihren Punktestand optimieren. Dabei werden sie von der Camp-Obrigkeit durchgehend überwacht und bewertet. Ein Armband erfasst und übermittelt die Biodaten der Teilnehmerinnen und Teilnehmer für die Rankingstatistiken und ein in die Haut implantierter Mikrochip überwacht ihren Standort auf dem Gelände. Der Leistungsdruck im Camp hinterlässt seine Spuren und auch der Lehrer der Abschlussklasse beobachtet die Entwicklungen mit Sorge. Als die ehrgeizige Nadesh mit dem Außenseiter Zach in ein Team eingeordnet wird, entsteht schnell sozialer Zündstoff. Zach entpuppt sich als Querdenker und Kritiker des Systems und nimmt verbotenen Kontakt zu den "Illegalen" in den Wäldern auf. Die persönlichen Einträge seines Tagebuches sind daher sowohl für Nadesh als auch für die Camp-Obrigkeit von Interesse. Als unkontrollierbares analoges Medium entwickelt sich das Tagebuch zur Bedrohung und zum Revolutionsmittel, welches Zach mit seinem Leben verteidigt. Die Ereignisse überschlagen sich und die Spannung erreicht ihren Höhepunkt, als es auf dem Camp-Gelände zu einem Mordfall kommt. Folglich wird daran gearbeitet, die wahre Täterin oder den Täter zu ermitteln. Doch innerhalb eines kontrollierten Systems ist es gar nicht so leicht der Wahrheit Gehör zu verschaffen.

Das deutsche Filmdrama JUGEND OHNE GOTT fußt auf der gleichnamigen Romanvorlage von Ödön Horvath aus dem Jahre 1937. In einer freien Fassung bedient sich der Film der Grundstruktur der Romanhandlung und übernimmt weitestgehend die Charaktere und ihre Handlungsmotive. Auch hier steht das Verhältnis des humanistischen Lehrers zu seinen Schülerinnen und Schülern in einem diktatorischen Bildungssystems im Mittelpunkt. Während sich das Original noch mit der Beeinflussung der Jugend durch den Faschismus beschäftigt, verlagern die Filmproduzentinnen und -produzenten die Handlung in die Gegenwart und nehmen Digitalisierung und Leistungsorientierung unserer Gesellschaft zum Anlass für eine zukunftsorientierte Kritik. Die Entfaltung einer negativen Wirkmacht der vorherrschenden Ideologie auf das gesellschaftliche Denken und Handeln wird in beiden Varianten somit aus unterschiedlichen Perspektiven thematisiert. Zentrales Motiv von JUGEND OHNE GOTT bleibt der Kampf zwischen Individuum und Gesellschaft. Auch in narratologischer Hinsicht hat der Film interessante Aspekte zu bieten. So wird die Handlung nacheinander aus verschiedenen Blickwinkeln erzählt. Die Perspektiven von Nadesh, Zach und ihrem Lehrer auf das Filmgeschehen verbinden sich zu einem komplexen Gebilde und vermitteln den Zuschauerinnen und Zuschauern ein tiefergreifendes Verständnis für die Hintergründe der Kriminalgeschichte.

Der Film JUGEND OHNE GOTT trifft auf überspitzte Art und Weise den Nerv und die Bedenken unserer heutigen Zeit und bietet einige kritische Denkanstöße für sein Publikum. Auf der Makroebene spielt der Film mit einer gefährlichen Zukunftsvision unserer Leistungsgesellschaft und geht der Frage nach, in welchem Maße Digitalität und Effizienz noch gewinnbringend für das Individuum sind. Die handlungsimmanente Gesellschaftskritik dient als Rahmenhandlung ohne eine weitere Vertiefung zu erfahren. Die Mikroebene birgt hingegen eine die gesellschaftliche Norm herausfordernde Liebesbeziehung sowie eine vom Bildungssystem missbilligte Lehrer-Schüler-Beziehung und macht durch die individuellen Beziehungen und Lebensgeschichten die übergeordnete Gesellschaftskritik im Detail für das Publikum nachvollziehbar. Allerdings mangelt es der filmischen Fassung an ausreichend Erzählzeit, um die zentralen Entwicklungen schlüssig aufzubauen. So wirken einige Charakterentwicklungen und Handlungswendungen vielmehr abrupt, schematisch und zweckdienlich für das übergeordnete Filmgeschehen, als dass die ihnen zugrunde liegenden Motivationen überzeugend erläutert werden.

Für jugendliche Zuschauerinnen und Zuschauer behandelt der Film einige relevante Themen wie die erste große Liebe und die Suche nach der eigenen Identität. Hier besitzen insbesondere die Charaktere Nadesh und Zach Identifikationspotenziale. Beide Charaktere befinden sich am Ende ihrer Schulzeit und stehen an der Schwelle zum Erwachsenwerden. Sie stellen sich die Frage, welchen Platz sie innerhalb der Gesellschaft einnehmen und wie sich ihre Zukunft gestalten wird. Während Nadesh den Wunsch nach Anpassung verkörpert, kann Zach als mutiges Vorbild gesehen werden, das sich den gesellschaftlichen Strukturen keineswegs beugt, sondern seinen eigenen Weg geht. Daneben thematisiert der Film hinsichtlich der Digitalisierung auch einen deutlichen Kontrast zur Lebenswelt des jugendlichen Publikums. Während die heutige Jugend von der Digitalisierung ihrer Lebenswelt überwiegend profitiert und dadurch neue Möglichkeiten des sozialen Austauschs und der Identitätsarbeit erhält, sind die Filmcharaktere der Digitalisierung machtlos ausgesetzt und werden von ihr getrieben und kontrolliert zugleich. Dass in der Zukunftsvision des Films ein Analogmedium wie Zachs Tagebuch bevorzugt wird, kann beim jugendlichen Publikum durchaus zum Nachdenken anregen.

Dystopische Filmwerke sind längst ein Teil unserer Kultur geworden. JUGEND OHNE GOTT fügt sich dabei in eine Reihe von Filmen dieses Genres ein, die die finstere Zukunftsvision insbesondere für die Jugend erfahrbar machen und in ihnen den Weg aus der Misere sehen. Trotz des düsteren und gesellschaftskritischen Ansatzes ist JUGEND OHNE GOTT eher als Unterhaltungskino anzusehen. Die prominente Besetzung und die rasante Inszenierung mit Krimi-Elementen sowie einer eingebetteten Liebesgeschichte kann Jung wie Alt ein spannendes Kinoerlebnis bescheren.

Der Kinostart von JUGEND OHNE GOTT ist am 31. August 2017.

Saskia Eilers ist Praktikantin bei merz | medien + erziehung. Sie studiert derzeit den Masterstudiengang Kinder- und Jugendmedien an der Universität Erfurt.
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