Im Spannungsfeld zwischen Bildungs- und Medientheorie
Kultur ist nicht denkbar ohne Medien. Aus diesem Grund widmete sich die recht junge Fachdisziplin der Medienwissenschaft bereits früh dem Komplex der Kultur. Und die ältere Fachdisziplin der Kulturwissenschaft schenkte dem Komplex der Medien ebenfalls wachsende Aufmerksamkeit. Eine ähnliche befruchtende Synergie wünschte man sich zwischen der Erziehungs- und Medienwissenschaft. Ansätze hierfür gab es in den 80er-Jahren in den nordamerikanischen Staaten. Im deutschsprachigen Bereich etablierte sich zur gleichen Zeit eine Medienpädagogik, die, folgt man dem Erziehungswissenschaftler Dieter Lenzen, noch Mitte der 90er Jahre zu den Fachrichtungen zu zählen war, die auf dem Weg von einem Praxisfeld zu einer eigenständigen pädagogischen Subdisziplin seien. Was der Medienpädagogik bis dahin fehlte, war eine spezifische Theoriebildung. Anläufe hierzu gab es: 1995 initiierte der Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik an der Universität Heidelberg ein dreisemestriges Seminarprojekt, das Bildungstheorie als historische Medientheorie begreifen wollte. Eine umfassende Publikation zum Thema folgte leider nicht. Johannes Fromme und Werner Sesink nahmen sich aktuell dieser Thematik an und publizierten als Herausgeber das Buch Pädagogische Medientheorie.
Hintergrund dieser Publikation ist die Gründung einer Theorie-Arbeitsgemeinschaft in der Kommission Medienpädagogik der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft. Diese hat ein Theorie-Forum ins Leben gerufen, welches Raum für grundsätzliche Theoriediskurse bietet. In den Jahren 2006 und 2007 fanden die ersten Tagungen an den Forschungs- und Lehrorten der beiden Herausgeber statt: in Magdeburg und Darmstadt. Während man sich in der ersten Tagung an benachbarte Diskurse wandte, wurde auf der zweiten die Frage gestellt, was ein pädagogisches Medium sei. Die überarbeiteten Tagungsbeiträge liegen nun in Buchform vor. Gleich zu Anfang konstatieren die beiden Herausgeber, dass die Medienpädagogik bisher überwiegend als ein spezifisches Anwendungsfeld allgemeiner erziehungswissenschaftlicher Theorien verstanden wurde. Mit dem Vordringen der Neuen Medien werde allerdings deutlich, dass "das Mediale eine fundamentale Dimension humaner Lebensbewältigung und -gestaltung darstellt, dessen Reflexion die theoretischen Grundlagen der Disziplin angeht." Eine grundsätzliche Debatte um eine "Pädagogische Medientheorie" scheint inzwischen unabdingbar.
In seinem Beitrag bringt Werner Sesink die Ausgangssituation nochmals auf den Punkt: Während Medien für Bildungstheoretiker lange ein Randthema gewesen sind, wird die Bildungstheorie in der Medienpädagogik bestenfalls als Hintergrund in Anspruch genommen. Die medienpädagogische Forschung wird in aller Regel nicht selbst als Beitrag zur Entwicklung von Bildungstheorie verstanden. Sesinks Anliegen ist ein Brückenschlag: Bildung ist nicht nur betroffen von medientechnologischen Entwicklungen, sondern fundamental an deren Entwicklung beteiligt. Das Neue Medium (im Singular) bietet einen Raum an, in dem das Subjekt neue Ein-bildungen (In-formatio) konstruieren kann. Während Sesink auf Hegel und Kant Rückbezug nimmt, interpretiert der Bildungsphilosoph Norbert Meder den Luhmann’schen Medienbegriff, um ihn im bildungstheoretischen Kontext zu diskutieren. Winfried Marotzki, der für seine qualitative Bildungsforschung bekannt ist, stellt mit seinem Mitarbeiter Benjamin Jörissen das Konzept einer strukturalen Medienbildung vor, mit dem der Medialität ein systematischer Wert in der Bildungstheorie zugewiesen werden soll. Den Versuch, Paradigmen einer pädagogischen Medientheorie zu umreißen, unternahm der Kunstpädagoge und Medientheoretiker Torsten Meyer bereits in seiner sechs Jahre zurückliegenden Dissertation. In seinem Beitrag geht er neue Wege und greift auf die französische Mediologie nach Régis Debray zurück, um ein angemessenes Verständnis darüber zu entwickeln, was ein pädagogisches Medium sei. Heidi Schelhowe, aus der Informatik kommend und auf Bildungsanwendungen zielend, argumentiert dafür, das digitale Medium Computer als Gegenstand von Bildung zu betrachten, und nicht als Mittler oder Verhinderer. Der Medien- und Kulturtheoretiker Rainer Winter rezipiert die US-amerikanische, kritisch orientierte Medienpädagogik, um das Ideal einer demokratischen und freien Gesellschaft zu verteidigen. Birgit Althans und Nino Ferrin aus dem Forschungsbereich "Kulturen des Performativen" der FU Berlin untersuchen die grundlegenden Veränderungen der Identitätsbildung durch die neuen medialen Erfahrungsräume. Und der Philosoph und Bildwissenschaftler Klaus Sachs-Hombach unterzieht dem Klassiker der Medientheorie, Marshall McLuhan, eine Revision, um ein alternatives Theoriemodell zur Beschreibung und Beurteilung von Bildmedien zu erarbeiten.
Die Publikation Pädagogische Medientheorie zeigt deutlich, wie mit einem erweiterten Medienbegriff, der oft zu einem singaluren Mediumsbegriff wird, neue Akzente in der Medienpädagogik gesetzt werden können. Auf der anderen Seite wird verständlich, warum die Bildungstheorie, ähnlich der Kulturwissenschaft, dem Komplex Medien wachsende Aufmerksamkeit zu ihrer eigenen Weiterentwicklung schenken sollte. Da sich das Theorie-Forum der Kommission Medienpädagogik als offenes Projekt versteht, lässt sich die nächste Publikation erhoffen.