Leitlinien für die Arbeit mit Jungen und jungen Männern

Im Rahmen der Kommunalen Kinder- und Jugendhilfeplanung der Landeshauptstadt München: Leitlinien für geschlechtsspezifisch differenzierte Kinder- und Jugendhilfe, auf Grundlage des § 9 Abs. 3 KJHG, Stand: Oktober 2005

1. Ausgangslage

Bei der Persönlichkeitsentwicklung eines jungen Menschen spielt die Wahrnehmung der eigenen Geschlechtszugehörigkeit eine wichtige Rolle. Dabei wird das soziale Geschlecht im Sinne des „doing gender“ zugeschrieben, erworben und hergestellt. So befinden sich Jungen und junge Männer in unserer Gesellschaft aus mehreren Gründen in einem Spannungsverhältnis, das zu besonderen Lebenslagen führt, die sich von den Lebenslagen von Mädchen und jungen Frauen unterscheiden.

Schwierigkeiten in der Entwicklung zum Mann entstehen aus widersprüchlichen Rollenzuweisungen einer Gesellschaft, in der einerseits traditionelle patriarchale Männlichkeitsvorstellungen immer noch stark verbreitet sind und andererseits mehr Flexibilität und Partnerschaftlichkeit von Männern verlangt wird. Neue Vorstellungen von Männlichkeit gibt es nicht in der gleichen Verbindlichkeit wie dies bei den traditionellen Vorstellungen hegemonialer Männlichkeit leitlinien_jungenarbeit[1] der Fall ist. Rollenerwartungen durch die Umwelt bedeuten immer auch eine Einschränkung und Bewertung der individuell erlebten Fähigkeiten. Einzelne passen sich an, indem sie eigene Fähigkeiten, die als nicht passend erlebt werden, einschränken oder ganz ablegen. Wenn „Eigenes“ nicht zum „Erwarteten“ passt, entsteht Verunsicherung.

Eine besonders wichtige Rolle spielen (in diesem Zusammenhang) erleb- und erfahrbare Männer in Kontakt mit Jungen. Obwohl zunehmendes positives Engagement von Männern zu verzeichnen ist, bleibt ein wichtiges Problem im Entwicklungsprozess der Jungen die häufige Abwesenheit von real erfahrbaren Männern. In der Familie, im sozialen Nahfeld, in Kindergärten, in Grundschulen und auch in der Kinder- und Jugendarbeit überwiegen Frauen, während Männer als Bezugspersonen und als Rollenmodelle fehlen. Findet die Geschlechtersozialisation von Jungen im Alltag ohne Vorbilder von realen Männern statt, können starre oder idealisierte Rollenvorstellungen von Männlichkeit, nicht auf ein authentisches und realistisches Maß gebracht werden. Das erschwert die Orientierung in einem sich ständig wandelnden soziokulturellen Umfeld. Zudem gibt es Jungen, die mit einem wenig partnerschaftlichen oder einem gewalttätigen bzw. destruktiven männlichen Vorbild aufwachsen.

Die Erziehung, Fürsorge und Zuwendung, die Jungen von Frauen erfahren, ist sehr wichtig, da Frauen sowohl pädagogische Inhalte transportieren, als auch ein Gegenüber und ein Spiegel sind, durch den Jungen sich selbst erfahren können. Frauen werden von Jungen als das „andere Geschlecht “ erlebt, von dem sie sich auf dem Weg zu einer männlichen Identität abgrenzen und unterscheiden. Problematisch zeigt sich z.B. eine überfürsorgliche oder zu partnerschaftliche Beziehungsgestaltung von Frauen mit Jungen.

Die unterschiedliche Präsenz und Wahrnehmung von Männern und Frauen, von Jungen und Mädchen vermittelt den Jungen widersprüchliche Botschaften und Rollenzuweisungen. Noch schwieriger ist die Orientierung für Jungen aus anderen Kulturkreisen mit wiederum anderen Vorstellungen und Normen von Geschlechterrollen.

Jungen finden sich in Spannungsverhältnissen zwischen Stärke und Schwäche, „Probleme haben“ und „Probleme machen“ und zwischen Opfer- und Tätersein wieder.

Vor diesem Hintergrund müssen Jungen ihre Geschlechtsidentität, ihre sexuelle Orientierung und ihre Lebenspläne entwickeln. Daraus ergeben sich für Jungen folgende Entwicklungsrisiken: Schulversagen, Delinquenz, psychosomatische Erkrankungen, Risikoverhalten bezüglich der eigenen körperlichen Gesundheit, spezifisches Suchtverhalten und Suizid.

Der geschlechtsbewusste Blick auf Jungen muss an den Bedürfnissen und Problemen, an den Stärken und Schwächen, sowie an den Lebenswelten der Jungen und jungen Männer ansetzen.

Aus diesen gesellschaftlichen Bedingungen und besonderen Lebenslagen , sollen gemäß dem gesetzlichen Auftrag in § 9 Abs. 3 SGB VIII in geschlechtsspezifisch differenzierter Arbeit Lebenslagen reflektiert, Geschlechterrollen hinterfragt und die Gleichberechtigung von Mädchen und Jungen gefördert werden.

2. Begriffe und Inhalte

2.1. Definition

„Jungenarbeit ist die bewusste, geschlechtsbezogene pädagogische Arbeit eines Mannes oder mehrerer Männer mit Jungen“ [2] entsprechend der im Folgenden aufgeführten pädagogischen Grundhaltung.

Die geschlechtsbewusste pädagogische Arbeit mit Jungen und jungen Männern kann von Männern und Frauen geleistet werden.

2.2. Setting

  • Geschlechtsbezogene, pädagogische Arbeit mit Jungen kann entweder im geschlechtshomogenen Rahmen (Stichwort: Jungenarbeit)
    oder
  • im koedukativen Rahmen stattfinden (Jungen und Mädchen sind gemeinsam in einem Angebot, das die verschiedenen Lebenslagen von Jungen und Mädchen thematisiert oder/und bearbeitet)
    oder
  • Frauen arbeiten mit Jungen (im nicht- koedukativen Rahmen)

2.3. Pädagogische Grundhaltung

Geschlechtsbezogene Arbeit mit Jungen wird hier nicht als Methode verstanden – sondern sie ist eine Haltung und beinhaltet eine spezifische Sichtweise auf männliche Kinder und Jugendliche.

  • Sie berücksichtigt die Identitätsentwicklung und den Einfluss der Gesellschaft auf das Geschlechterverhältnis. Die Arbeit mit den einzelnen Jungen ist emanzipatorisch, empathisch, wertschätzend und ganzheitlich. [3]
  • Sie erweitert den Handlungs- und Vorstellungsspielraum gegenüber hierarchischen oder einengenden Vorstellungen vom Geschlechterverhältnis.
  • Sie vertritt die uneingeschränkte Gleichwertigkeit der Geschlechter, Geschlechteridentitäten, geschlechtlicher Orientierungen, von verschiedenen Kulturen und ebenso von Menschen mit Behinderung.
  • Sie beachtet die unterschiedlichen Lebenslagen von ethnischen Minderheiten, ebenso die von behinderten Jungen und jungen Männern.
  • Sie ist im engen Austausch mit der Mädchenarbeit.
  • Die Arbeit mit Jungen setzt an den speziellen Bedürfnissen, Kompetenzen und Stärken von Jungen an.
  • Die Jungen werden aktiv bei der Ausgestaltung der Angebote beteiligt.
  • Pädagogen und Pädagoginnen dienen den Jungen als Modelle für mögliches „Mann- und Frau- Sein“.
  • Sie müssen ihr persönliches Handeln in Hinblick auf die eigene Geschlechterrolle und das Geschlechterverhältnis kritisch reflektieren.
  • Der Pädagoge und die Pädagogin gehen achtsam und verantwortungsbewusst mit den Grenzen der Jungen um.
  • Das Selbstverständnis von Männern in der Jungenarbeit beruht auf Parteilichkeit.

2.4. Themen

Themen, die besonders berücksichtigt werden sind unter anderem:

Gefühle, Beziehungen, Männlichkeit (in ihren kulturell unterschiedlichen Ausprägungen), Konflikte, Gewalt, Macht, Privilegien und Benachteiligungen, Opfersein, Körperlichkeit, Sexualität, Behinderung, Gesundheit, Sucht und Lebensplanung.

3. Ziele

3.1. Übergeordnete Ziele

  • Orientierung bieten für alle, die pädagogisch mit Jungen arbeiten
  • Politisch auf Geschlechterdemokratie hinwirken und die Gleichberechtigung von heterosexuellen und homosexuellen Orientierungen zu fördern (Abbau von Dominanzverhalten)
  • Lebenslagen und Bedürfnisse in allen Bereichen der Arbeit mit Jungen aufgreifen und diese Arbeit im Sinne der handlungsbezogenen Ziele gestalten

3.2. Handlungsbezogene Ziele

  • Jungen in ihren Unterschiedlichkeiten wahrnehmen und in ihrer Entwicklung fördern
  • Eröffnen von Wegen zu Kommunikation und Selbstausdruck
  • Die Achtsamkeit in Bezug auf Gefühle, Fähigkeiten und den eigenen Körper fördern
  • Eigene und fremde Grenzen wahrnehmen und respektieren
  • Verletzende, gewalttätige, rassistische und sexistische Einstellungen erkennen, benennen und diesen entschieden entgegenwirken (durch Täterprävention und Täterarbeit)
  • Akzeptanz, Toleranz, Interesse und Neugier gegenüber vielfältigen Männlichkeitsentwürfen wecken und festigen
  • Eigenverantwortung und Verantwortlichkeit gegenüber Anderen im sozialen Gefüge fördern
  • Schutzraum für Jungen bieten
  • Präventiv gegen Missbrauch wirken
  • Jungen in Opfersituationen unterstützen
  • Jungen motivieren und befähigen zu häuslicher Reproduktionsarbeit
  • die Angebote sollen attraktiv und relevant sein und sich an den Lebenswelten von Jungen orientieren
  • Jungenarbeiter sollen als Bezugsperson präsent und aktiv sein
  • Entwicklungsprozesse von Jungen begleiten

3.3. Strukturelle Ziele

Jungenarbeit findet statt.

  • Weitere Implementierung und Manifestierung bewusster und reflektierter Angebote
  • Ausbau und Erhalt bisheriger Fachstellen
  • Kooperation und Vernetzung

(nähere Ausführungen siehe Handlungsperspektiven, Punkt 5)

4. Adressaten

Adressaten sind alle männlichen Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die in Schulen und Einrichtungen der Jugendhilfe an Angeboten teilnehmen.

5. Handlungsperspektiven zur Umsetzung

5.1. Umsetzung im Rahmen der Planungsverantwortung des öffentlichen Trägers Sozialreferat/ Stadtjugendamt

Das Sozialreferat/Stadtjugendamt stellt im Rahmen seiner Planung sicher, dass Jungenarbeit Bestandteil der kommunalen Kinder- und Jugendhilfeplanung ist und beteiligt die freien Träger am Planungsprozess. In den Produktbeschreibungen des Sozialreferat/Stadtjugendamt wird Jungenarbeit integriert. Bei der Erhebung von Daten im Rahmen des Neuen Steuerungsmodells  müssen ebenso wie die Bedarfs- und Bestandserhebung grundsätzlich auch geschlechtsspezifische Differenzierungen vorgenommen werden. Für die Bedarfserhebung sind Instrumente zu entwickeln und Daten zu erheben, um fehlende Angebote für Jungen zu eruieren.

Um die Planungen und Prozesse in der Praxis zu verankern, schließt der öffentliche Träger mit den freien Trägern Zielvereinbarungen z.B. bei Jahresplanungsgesprächen, um diese Querschnittsaufgabe bei Bestandsaufnahme, Planungen und Evaluation in der Praxis zu realisieren.

5.2. Umsetzung im Rahmen der Trägerverantwortung

Die Träger von Einrichtungen und Diensten der Jugendhilfe stellen ihrerseits sicher, dass alle Konzepte geschlechtsdifferenziert erstellt und evaluiert werden.

Männliche Mitarbeiter erhalten einen klaren Arbeitsauftrag für Jungenarbeit, der auch in Stellenbeschreibungen benannt wird. Vom öffentlichen und freien Träger werden hierzu entsprechende inhaltliche, personelle, räumliche und organisatorische Voraussetzungen und Mittel geschaffen.

5.3. Bereitstellung von Mitteln und Möglichkeiten für Jungenarbeit

Um Maßnahmen der Jungenarbeit durchzuführen bedarf es zeitlicher, räumlicher und finanzieller Mittel, die durch freie Träger und den öffentlichen Träger bereitgestellt werden müssen. Es sollen auch bereits vorhandene, geschlechtsneutral verwendete Ressourcen eingesetzt werden. Jungenarbeit soll in der inhaltlichen und strukturellen Planung und in der Planung der Arbeitsabläufe berücksichtigt werden. Dazu gehört zudem die Ermöglichung der Teilnahme an Fort- und Weiterbildungen und konzeptionelle (Weiter-) Entwicklung von Angeboten. Darüber hinaus soll den Mitarbeitern die Teilnahme an Arbeitskreisen und -gruppen sowie entsprechenden Fachforen bzw. Fachveranstaltungen ermöglicht werden. Für die Qualifizierung werden gesondert Mittel zur Verfügung gestellt. Ausreichend Zeit für Evaluation, Reflexion, Supervision und Fachberatung ist unabdingbar. Die Sicherung der Beauftragtenstellen für Jungenarbeit im Sozialreferat/Stadtjugendamt sowie im Schulreferat zur Koordination und Beratung, zur Förderung von Modellprojekten und zur Sicherstellung der Implementierung und Verwirklichung fachlicher Standards ist dabei wesentliche Grundlage.

Dazu gehört ebenso die Schaffung und Sicherung von Verantwortungskapazitäten bzw. Beauftragungsstellen bei freien Trägern.

5.4. Vernetzung, Kooperation und Öffentlichkeitsarbeit

Um die Ziele der Jungenarbeit in München voranzutreiben, ist der weitere Ausbau des Netzwerks Jungenarbeit München unbedingt notwendig. Es geht hierbei um die Kooperation und Vernetzung der verschiedenen Träger, damit der Aufbau von Strukturen, Gremien und Arbeitskreisen weitergeht und ist damit Voraussetzung für Austausch, Reflexion und Weiterentwicklung der Jungenarbeit in München. Die Vernetzung und Kooperation der Jungenarbeit mit der Mädchenarbeit ist weiter auszubauen, um in gemeinsamer Diskussion und Aktion die geschlechtsspezifisch differenzierte Jugendhilfe weiter zu entwickeln und geschlechtergerechte Jugendhilfe zu fördern. Ein Ziel soll sein, Leitlinien gemeinsam weiterzuentwickeln.

Es sollen Arbeitsgruppen auf der Ebene der Produktgruppen eingerichtet werden, in denen auch die Querschnittsbereiche angemessen vertreten sind und in denen der öffentliche und die freien Träger die Durchführung und Planung der Jungenarbeit beraten.

AG Leitlinien des Netzwerkes Jungenarbeit in München:
Michael Glaw , Hartmut Kick, Thomas Reitberger, Gregor Prüfer, Andreas Schmiedel, Klaus Schwarzer


[1]   Das Konzept der „hegemonialen“ Männlichkeit geht auf den australischen Soziologen Robert W. Conell („Der gemachte Mann“, Leske und Budrich, 2000) zurück. Die hegemoniale Männlichkeit beinhaltet einerseits die Herabsetzung von Frauen, um gesellschaftliche Macht bei den Männern zu halten( sog. patriarchale Dividende,) aber auch die Unterdrückung von männlicher Persönlichkeitsentwicklung in ihrer denkbaren Vielfalt.

[2]   Definition nach Reinhard Winter. Diese wurde im Herbst 1995 in einem Seminar zur Standortbestimmung der Jungenarbeit in München erarbeitet

[3]   vgl. Vogel, Georg: Immer gut drauf, AJ München, 1997, Seite 27:
„parteilich, weil sie Jungen mit kritischer Sympathie begleitet; emanzipatorisch, weil sie Jungen hilft, sich aus dem Panzer und dem Druck der starren Bilder von Männlichkeit zu befreien; ganzheitlich, weil sie die gesamte Person im Blick hat und alle Aspekte von Männlichkeit wahrnimmt.“