22.10.2014 – Weitere Aktivitäten (Sonstiges), Jugendschutz

Jugendmedienschutz aus der Perspektive handlungsorientierter Medienpädagogik

Stellungnahme des Vorstands des JFF - Institut für Medienpädagogik

verabschiedet durch den Vorstand des JFF – Jugend Film Fernsehen e.V.:

Prof. Dr. Bernd Schorb (Vorsitzender, Universität Leipzig), Klaus Lutz (stellv. Vorsitzender, Medienzentrum Parabol), Martina Liebe (Bayerischer Jugendring), Margrit Lenssen (ZDF), Alexandra Lins (Medienfachberaterin für den Bezirk Oberpfalz), Prof.'in Dr. phil. Gudrun Marci-Boehncke (Universität Dortmund), Prof.‘in Dr. Manuela Pietraß (Universität der Bundeswehr München), Prof. Dr. Hermann Sollfrank (Katholische Stiftungsfachhochschule München), Prof.'in Friederike Tilemann (PH Zürich).

 

       

Jugendmedienschutz aus der Perspektive handlungsorientierter Medienpädagogik

 

Mit diesem Thesenpapier benennt das JFF zentrale Herausforderungen aus medienpädagogischer Sicht im Diskurs um den Jugendmedienschutz und will Argumentationshilfen für pädagogische und politische Akteurinnen und Akteure geben. Für die Argumentation sind drei Ausgangspunkte grundlegend:

  • Jugendmedienschutz hat in Deutschland Verfassungsrang. Als sogenannter „Minderheitenschutz“ soll er insbesondere jene Kinder und Jugendliche in den Blick nehmen, deren Eltern sich – aus welchen Gründen auch immer – nicht in einem ausreichenden Maße um ihr Wohlergehen kümmern können. Ziel des Jugendmedienschutzes ist es also, dass alle Kinder und Jugendlichen in einem Umfeld aufwachsen, in dem sie nicht gefährdet werden.[1] Mit Blick auf die aktuelle Debatte ist allerdings wenig solidarisches Bewusstsein für jene, die als schützenswert gelten, festzustellen. Es dominieren vielmehr Aussagen, die einer Individualisierung von Verantwortung Vorschub leisten, z.B. indem technischen Lösungen der Vorrang eingeräumt wird, die auf die individuellen Aktivitäten von Erziehenden an den Endgeräten setzen.
  • Viele Eltern und auch pädagogische Fachkräfte sind durchaus alarmiert über Risiken und Problemlagen, die aus veränderten Nutzungsbedingungen und Medienhandlungsweisen erwachsen können. Gleichzeitig sind sie bezüglich geltender Jugendmedienschutz-Regelungen verunsichert, die für sie nur schwer zu durchblicken sind (z.B. unterschiedliche Alterseinstufungen für ähnliche/gleiche Inhalte auf verschiedenen Trägermedien). Nur wenige von ihnen kennen aber die Anlaufstellen, die Antworten auf ihre konkreten Fragen geben können. Die Stimme der erzieherischen Bezugspersonen, die als „Endverbraucherinnen und Endverbraucher“ mit einem für sie aktuell nicht durchschaubaren Regelwerk ge- oder sogar überfordert sind, wird im aktuellen Diskurs weitgehend ignoriert. Die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und medialen Strukturen einerseits und die aktuell diskutierten technischen Lösungen andererseits erschweren es Erziehungsberechtigten immer mehr, ihrer erzieherischen Verantwortung nachzukommen.
  • Kinder und Jugendliche sind in ihrem alltäglichen Medienhandeln längst nicht mehr nur Rezipierende von medialen Inhalten. Sie werden zunehmend zu Akteurinnen und Akteuren, die in medialen Räumen kommunizieren, interagieren und eigene Inhalte produzieren und veröffentlichen. Damit können sie durch ihr eigenes Handeln oder aber auch durch das Handeln von Dritten in risikobehaftete Situationen kommen. Zudem äußern Kinder und Jugendliche selbst Schutzbedürfnisse, die bislang kaum vom Jugendmedienschutz erfasst werden. Dabei sprechen sie v.a. Risiken an, die bei ihren Online-Aktivitäten entstehen können, z.B. in Bezug auf Persönlichkeitsrechte, Kommunikation, Urheberrechte etc.[2]

 

Anforderungen aus Sicht der Medienpädagogik

 

Aus der Perspektive der handlungs- und ressourcenorientierten Medienpädagogik, deren Ziel es ist, das pädagogisch-professionelle Umfeld wie das erzieherische Umfeld von Heranwachsenden bestmöglich bei Erziehungsaufgaben zu unterstützen, erwachsen folgende Anforderungen an einen gesetzlichen Rahmen des Jugendmedienschutzes:

 

1.   Recht auf Schutz, aber auch auf Informationsfreiheit und informationelle Selbstbestimmung gewährleisten: Kinder und Jugendliche sind vor den Zumutungen der Medienwelt so gut wie möglich zu schützen. Diese Verpflichtung erstreckt sich nicht mehr nur auf einen Schutz vor bestimmten Medieninhalten. Vielmehr sind auf eine möglichst differenzierte Weise auch jene Risiken in den Blick zu nehmen, die vor allem bei Kommunikations- und Interaktionsaktivitäten online entstehen können.[3] Gleichrangig ist das Recht von Heranwachsenden auf Information (vgl. UN-Kinderschutzkommission) und das Recht auf informationelle Selbstbestimmung, d.h. das Recht auf Souveränität in Bezug auf die Persönlichkeitsrechte. Diese sind als Grundrechte für das Zusammenleben in demokratisch verfassten Staaten zu wahren und dürfen nicht weiter ausgehöhlt werden.

Diese Rechte dienen gleichermaßen als Grundlage und müssen beim Abstecken eines rechtlichen Rahmens berücksichtigt werden.

In die Regelungen des Jugendmedienschutzes sind auch und gerade die Schutzbedürfnisse von Heranwachsenden einzubeziehen, die sie selbst äußern.

 

2.   Transparenz für Eltern und pädagogische Fachkräfte herstellen: Eltern sind die Hauptzielgruppe für die Regelungen des Jugendmedienschutzes. Sie fühlen sich aber zunehmend überfordert in Bezug auf die Regelungen, auf ihre eigene Verantwortung und in Bezug auf die Zuständigkeiten des Staates.

Eine Individualisierung von Verantwortung in Richtung der Familien darf nicht zur Grundausrichtung von Gesetzgebung werden. Denn das würde dazu führen, dass nur ressourcenstarke Familien ihren medienerzieherischen Aufgaben nachkommen können

Notwendig sind vereinfachte und transparente Regelungen,

-   zur Bewertung und zur Alterseinstufung von Inhalten auf den verschiedenen Trägermedien und in Onlinemedien,

-  welche Institutionen in welchen Fällen verantwortlich sind und

-  wohin sich Eltern und Fachkräfte bei Fragen wenden können.

Eltern sollten so wenig technische Vorkenntnisse wie möglich benötigen, um den Schutzaspekten im Alltag der Medienerziehung Rechnung zu tragen. Technische Lösungen dürfen daher nicht nur bei den individuellen Aktivitäten ansetzen und müssen gleichzeitig für die Endverbrauchenden so einfach und so transparent wie möglich sein.

Alle zukünftigen Regelungen sind auch daraufhin zu überprüfen, ob sie es der Bildungsarbeit ermöglichen, (medien-)pädagogische Aktivitäten so umzusetzen, dass Jugendmedienschutz-Regelungen nicht zum Hemmschuh für eine nachhaltige Kompetenzförderung in pädagogischen Projekten werden.

 

Jugendmedienschutz ist eine durch unser Grundgesetz dem Staat zugeschriebene Pflicht. Er darf diese Pflicht weder auf die Erziehenden noch auf die Medienanbieter abwälzen, sondern muss durch unabhängige Einrichtungen einen möglichst umfassenden Kommunikations- und Interaktionsschutz gewährleisten, der den Interessen seiner Bürgerinnen und Bürger, hier der Heranwachsenden und der Erziehenden (Eltern und pädagogischen Einrichtungen) Rechnung trägt.

 

Medienpädagogik und Jugendmedienschutz

 

Vor dem Hintergrund dieser Anforderungen für einen zeitgemäßen Jugendmedienschutz gilt es, das Verhältnis von Medienpädagogik zum Jugendmedienschutz zu reflektieren. Eine Gemeinsamkeit liegt in der Orientierung auf das Kindeswohl und auf eine altersgemäße Entwicklung. Für die handlungsorientierte Medienpädagogik geht es dabei aber nicht nur um das Vermeiden von Entwicklungsgefährdungen und -beeinträchtigungen von Heranwachsenden, sondern immer auch um die Erweiterung ihrer Handlungsmöglichkeiten mit dem Ziel sozialer, kultureller und politischer Partizipation. Medienkompetenz ist in diesem Sinne eben nicht nur ein Instrument zur Gefahrenabwehr. Ein eigenständiger, kritischer und reflektierender Umgang mit Medien ist als eine Basiskompetenz zur Teilhabe in mediatisierten Gesellschaften zu verstehen. Im Zusammenspiel mit dem Jugendmedienschutz sind insbesondere drei Schnittstellenfunktionen von Medienpädagogik für den Jugendmedienschutz zu sehen:

  • Erstens liefert medienpädagogische Forschung zum Medienhandeln von Kindern und Jugendlichen sowie zum Medien(erziehungs)handeln in Familien eine Basis für die Ausrichtung des Jugendmedienschutzes an der Medienrealität der Nutzenden und unterstützt dabei, neue Entwicklungen und Problemlagen einzuschätzen.
  • Zweitens leistet die Förderung von Medienkompetenz wie auch medienerzieherischer Kompetenz bei Eltern und anderen Bezugspersonen als Aufgabe medienpädagogischer Praxis einen Beitrag zur Sensibilisierung im Bereich des präventiven Jugendmedienschutzes. Gleichzeitig werden dabei die Handlungsfähigkeiten von Erziehenden gestärkt, um Heranwachsende bei der Entwicklung eines souveränen Umgangs mit Medien zu unterstützen.
  • Drittens leistet die Arbeit medienpädagogischer Institutionen einen Beitrag, um mit Eltern und pädagogischen Fachkräften in einen Dialog treten. Über solche niedrigschwelligen Unterstützungssysteme können Problemlagen artikuliert und gemeinsam konstruktiv bearbeitet werden. 

 

Die Förderung von Medienkompetenz ist als Unterstützung bei der Entwicklung einer souveränen Lebensführung zu verstehen: Kinder und Jugendliche zu befähigen, ihren Interessen Ausdruck zu verleihen, sie in ihrem Selbstausdruck zu unterstützen und ihre Partizipationsräume zu erweitern, sind deshalb zentrale Aufgaben der Medienpädagogik die nicht den Schutzaspekten unterzuordnen sind. Denn sie liefern einen eigenständigen, zentralen Beitrag zum selbstbestimmten Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen. Medienpädagogik steht vor der Herausforderung, aktuelle gesellschaftliche und mediale Entwicklungen zu beurteilen und pädagogisch fundierte Konzepte weiterzuentwickeln. Die Sicherung von demokratischen Grundrechten in zunehmend digitalisierten und mediatisierten Lebenswelten und die damit verbundene notwendige Erweiterung der Kompetenzen für eine souveräne Lebensführung der Heranwachsenden und ihrer Bezugspersonen sind neue medienpädagogische Aufgaben.


[1] Dreyer, Stephan (2011): Entwicklungspfade für ein netzwerkgerechtes Jugendmedienschutzrecht.

Hamburg: Verlag Hans-Bredow-Institut. Online verfügbar: http://www.hans-bredow-institut.de/webfm_send/576, abgerufen am 21.10.2014.

[3] Vgl. die Systematiken, die im Kontext von EU-Kids-Online- sowie vom Youth Protection Roundtable verwendet werden, siehe http://www.yprt.eu/yprt/content/sections/index.cfm/secid.84, abgerufen am 21.10.2014.

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