08.11.2017 – Forschung, Weitere Publikationen, Jugendschutz, Medienerziehung, Mobile Medien

Jugendmedienschutzindex in Berlin vorgestellt

Aktuelle Ergebnisse zum Jugendmedienschutz online aus Sicht von Eltern und Heranwachsenden

Präsentation des Berichts zum Jugendmedienschutzindex am 7.11.2017 in Berlin

Im Rahmen des Jubiläums 20 Jahre FSM wurde in Berlin die Studie "Jugendmedienschutzindex: Der Umgang mit onlinebezogenen Risiken" vorgestellt.

Damit wurde der erste Teil der Untersuchung der Öffentlichkeit präsentiert, bei dem die Perspektive von Heranwachsenden und Eltern auf den Jugendmedienschutz im Fokus stand. Der zweite Teil, mit dem auch die Perspektive von Lehrkräften an Schulen sowie pädagogischen Fachkräften von außerschulischen Bildungseinrichtungen eingebunden wird, folgt im Jahr 2018.

 

Zusammenfassung der Ergebnisse

Die vorliegende Untersuchung stellt den ersten Teil des von der Freiwilligen Selbstkontrolle Multimedia e.V. (FSM) initiierten und herausgegebenen "Jugendmedienschutzindex” dar. Im Fokus dieses Teils stehen die Betroffenen oder "Endnutzer" des Jugendmedienschutzes: Eltern und Heranwachsende. Der "Jugendmedienschutzindex” zeigt an, in welcher Weise der Schutz von Heranwachsenden vor negativen Online-Erfahrungen in den Sorgen, den Einstellungen, dem Wissen und dem Handeln von Eltern, von pädagogischen Fach- und Lehrkräften sowie von Heranwachsenden verankert ist. Auf dieser Grundlage werden Stärken und Schwächen der derzeitigen medienpolitischen Regelungen für den Jugendmedienschutz sowie der verfügbaren medienpädagogischen Unterstützungsangebote erkennbar, aus denen sich Ansatzpunkte für deren Weiterentwicklung ergeben.

Empirische Basis der Studie ist eine bundesweite Repräsentativ-Befragung von Heranwachsenden zwischen 9 und 16 Jahren, die das Internet nutzen, und jeweils einem Elternteil, das für die Online-Erziehung zuständig ist bzw. sich am besten mit der Online-Nutzung des Kindes auskennt. Mit der Rekrutierung der Befragten und der Durchführung der persönlichen Interviews wurde die GfK Media & Communication Research GmbH & Co. KG beauftragt. Insgesamt wurden zwischen Mitte Februar und Mitte April 2017 805 Heranwachsende und ihre Eltern befragt.

 

 

Sorgen im Hinblick auf die Online-Nutzung

  • Dass die Online-Nutzung von Kindern und Jugendlichen Sorgen bereitet und entsprechend Anlass besteht, über Schutzmöglichkeiten nachzudenken, wird offenkundig: Etwa drei Viertel der Eltern nennen auf die offene Frage, ob sie sich in Bezug auf die Online-Nutzung ihres Kindes Sorgen machen, mindestens einen Anlass zur Sorge. Bei den Heranwachsenden selbst sind es etwas weniger, aber mit knapp sechzig Prozent immer noch die Mehrheit, die konkrete Sorgen benennen.
  • Während sowohl bei Heranwachsenden als auch bei ihren Eltern die Sorge um den Kontakt mit verstörenden oder beängstigenden Inhalten mit steigendem Alter abnimmt, gewinnen Risiken in Bezug auf die Interaktion mit anderen Heranwachsenden (z. B. Mobbing) zunehmend an Bedeutung. Insgesamt verlagern sich damit die Schwerpunkte des Sorgenspektrums weg von den Risiken, die der klassische Jugendmedienschutz abdeckt.

 

 

 

 

Einstellungen zum Jugendmedienschutz

  • Jugendmedienschutz stößt weitgehend auf Akzeptanz, auch wenn dadurch die Online-Nutzung eingeschränkt wird: 90 Prozent der Eltern und immerhin 72 Prozent der Heranwachsenden stimmen der Aussage zu, dass der Schutz von Kindern und Jugendlichen wichtiger sei als ein leichter Zugang zu allen Online-Angeboten. Nur wenig Zustimmung erhält entsprechend die umgekehrte Aussage, dass alle Online-Angebote für Kinder und Jugendliche verfügbar sein sollten.
  • Im Hinblick auf konkrete Schutzoptionen werden bei den Eltern Ambivalenzen deutlich, die auf medienpädagogischen Vermittlungsbedarf verweisen: So sind Alterskennzeichen einerseits weitgehend akzeptiert; andererseits geht die Mehrheit der Befragten davon aus, dass sie auf Jüngere einen Reiz ausüben, die für Ältere gedachten Angebote zu nutzen. Auch gegenüber technischen Maßnahmen besteht bei vielen Eltern eine Offenheit, die allerdings teilweise mit der (Fehl-)
    Erwartung verbunden ist, man könne bei Einsatz einer Filtersoftware das Kind unbesorgt allein surfen lassen. Hinzu kommt die weit verbreitete Überzeugung, dass Heranwachsende diese technischen Maßnahmen leicht umgehen könnten.
  • Eltern sind sich ihrer hervorgehobenen Rolle für den Jugendmedienschutz bewusst. Zugleich sind sie jedoch der Ansicht, dass auch die zuständigen Behörden, die Medienanbieter selbst sowie die Schulen und die Politik viel Verantwortung tragen sollen. Ferner übertragen die meisten Eltern den Heranwachsenden – je älter die eigenen Kinder, desto mehr – Verantwortung für deren eigenen Schutz.
  • Eltern beurteilen ihre eigene Verantwortungsübernahme bei der Umsetzung des Jugendmedienschutzes im Alltag als größtenteils gut. Sehr kritisch bewerten Eltern und Kinder dagegen die Verantwortungsübernahme auf Seiten von Politik und Anbietern.

 

 

Jugendmedienschutzbezogenes Wissen und Online-Fähigkeiten

  • Wissen über die etablierten Aspekte des Jugendmedienschutzes wie Altersstufen, Alterskennzeichen und Werberegelungen ist bei der deutlichen Mehrheit der Eltern vorhanden. Auch im Hinblick auf die grundsätzliche Funktionsweise von Jugendschutzprogrammen haben viele Eltern mittlerweile angemessene Vorstellungen.
  • Lücken zeigen sich hingegen einerseits bei den institutionellen Aspekten des Jugendmedienschutzsystems und andererseits bei sehr konkreten und zugleich für jugendmedienschutzbezogenes Handeln relevanten Anwendungsaspekten, etwa bei zulässigen Varianten der Altersverifikation oder bei Meldemöglichkeiten und Ansprechpartnern für Beschwerden und Hilfestellungen.
  • Sowohl aus Sicht der Eltern als auch aus Sicht der Heranwachsenden überflügeln Jugendliche ab 13 Jahren ihre Eltern in Bezug auf ihre Online-Fähigkeiten, woraus sich für die Rolle der Eltern im Jugendmedienschutz besondere Herausforderungen ergeben. Im Hinblick auf die Bewältigung von Online-Risiken schätzen Eltern ihre eigenen Fähigkeiten höher ein als die ihrer Kinder; erst bei den 15-/16-Jährigen trauen sie ihren Kindern ebenso viel zu.
  • Sind Heranwachsende mit problematischen Online-Angeboten konfrontiert oder brauchen sie Unterstützung bei belastenden Erfahrungen, kennt nur etwa ein Drittel der Eltern entsprechende Anlaufstellen. Nur sehr wenige haben solche bisher in Anspruch genommen. Kinder und Jugendliche würden sich bei Problemen in erster Linie an Eltern, Freunde und Lehrkräfte wenden; auch sie haben offizielle Beschwerdestellen sowie professionelle Beratung kaum im Blick.

 

Jugendmedienschutzbezogenes Handeln

  • Eltern setzen bei der schutzbezogenen Medienerziehung hauptsächlich auf inhalte- und zeitbezogene Regeln, die Beachtung von Altersfreigaben und das Gespräch über die Online-Nutzung.
  • Das Alter der Kinder ist für das Ausmaß und die Auswahl der elterlichen Maßnahmen ein entscheidender Faktor: Besonders aktiv sind Eltern der beiden jüngeren Altersgruppen. Insgesamt sinken die erfassten Aktivitäten spätestens in der Altersgruppe 13 bis 14 Jahre ab, zum Teil auch früher: So geben bereits deutlich weniger Eltern von 11- bis 12-Jährigen an, oft dabei zu sein, wenn das Kind Online-Angebote nutzt. Bei anderen Maßnahmen liegen dagegen die Eltern von 11- bis 12-Jährigen vorn. So gibt z.B. über die Hälfte von ihnen an, ihrem Kind oft zu zeigen, wie es sich vor Online-Risiken schützen kann.

 

Übergreifende Auswertungen

  • Das Alter der Kinder ist die entscheidende Voraussetzung für die meisten der hier erfassten jugendmedienschutzbezogenen Merkmale. Online-bezogene Sorgen der Eltern erreichen ihren Höhepunkt bei den 11- bis 12-Jährigen, die Überzeugung, dass Jugendmedienschutzmaßnahmen wirksam sein können, sowie das eigene schutzbezogene Engagement nehmen mit dem Alter der Kinder ab, während diese selbst mit zunehmendem Alter mehr risikobehaftete Erfahrungen machen und auch bei Gleichaltrigen wahrnehmen. Kein Zusammenhang mit dem Alter zeigt sich beim jugendmedienschutzbezogenen Wissen der Eltern sowie bei den von Kindern selbst berichteten Sorgen.
  • Die motivationale Ausgangssituation für jugendmedienschutzbezogene Maßnahmen, inwieweit also Eltern und/oder ihre Kinder besorgt sind und mit welchen Online-Risiken das Kind sich konfrontiert sieht, kann sich von Familie zu Familie sehr unterschiedlich darstellen: Eine Konstellation, in der die Eltern überaus besorgt sind, das Kind aber kaum eigene Erfahrungen mit potenziellen Risiken macht, unterscheidet sich grundlegend von einer Konstellation, in der die Eltern unbesorgt sind, das Kind sich aber vor möglichen Gefahren fürchtet oder sogar damit konfrontiert wird.
  • Es wurden acht verschiedene elterliche Handlungsmuster identifiziert, die jeweils durch ein spezifisches Muster aus Sorgen, jugendmedienschutzbezogenen Einstellungen und Schutzhandeln charakterisiert sind. Die Befunde zeigen, dass diese eng mit den Risikoerfahrungen der Kinder sowie mit deren Online-Fähigkeiten verbunden sind und somit einen wichtigen Ausgangspunkt für medienpädagogische Unterstützungsmaßnahmen darstellen.

 

Einordnung der Befunde

  • Kinder- und Jugendmedienschutz ist als kontinuierlicher gesellschaftlicher Aushandlungsprozess zu verstehen, an dem alle betroffenen Akteure beteiligt sein sollten – zumindest also staatliche Stellen, Medienanbieter, Erziehungs- und Bildungseinrichtungen, Eltern, Kinder und Jugendliche selbst sowie deren Peers. In diesem Sinne bietet diese Studie Aufschluss über die Perspektive von Eltern und Heranwachsenden.
  • Jugendmedienschutz kann nicht allein darin bestehen, Heranwachsende vor möglichen negativen Erfahrungen bei der Online-Kommunikation zu bewahren. Ein Ziel sollte es auch sein, sie zu einem bewussten und ihren Interessen gerecht werdenden sowie sozial verantwortlichen Umgang mit Online-Medien zu befähigen und sie dabei zu unterstützen, Risiken zu vermeiden oder zu bewältigen. Dabei sind der Prozess des Aufwachsens und die daran gekoppelte kontinuierliche Veränderung der Beziehung zwischen Eltern und Kindern zu berücksichtigen: Mit Blick auf die Verantwortungsübernahme der Endnutzer bedarf es einer in Abhängigkeit vom Entwicklungsstand der Kinder altersgerecht abgestimmten Balance zwischen Eltern und Heranwachsenden. Die Befunde geben Anregungen für Diskussionen über altersspezifische Anforderungen an Schutzinstrumente, die diese intergenerationale Dimension aufgreifen.
  • Die Studie unterstreicht die herausragende Bedeutung der Rolle der Eltern für das Funktionieren von Jugendmedienschutz im Alltag: Sie sind nicht nur diejenigen, die vom gesetzlichen Jugendmedienschutz vorgesehene Schutzinstrumente vor Ort umsetzen sollen, sondern ihr Umgang und ihre Orientierungen in diesem Bereich gehen auch mit messbaren Unterschieden auf der Ebene der Fähigkeiten und der Risikowahrnehmung ihrer Kinder einher. Angesichts der hier ermittelten Befunde, dass die Einstellungen der Eltern zum Jugendmedienschutz sehr unterschiedlich ausfallen und damit die Online-Kommunikation von Kindern unter sehr unterschiedlichen Voraussetzungen stattfindet, sollten medienpädagogische Initiativen und Programme diese Unterschiede vermehrt berücksichtigen.
  • Die hervorgehobene Rolle, die den Eltern bei der Umsetzung des Schutzes von Kindern und Jugendlichen vor möglichen Online-Risiken zugewiesen wird, kann durch Ignoranz, durch Unwissen, durch Missverständnisse, durch Überforderung sowie durch Überzeugungen, die dem Schutzgedanken zuwiderlaufen, unterminiert werden. Diese Problemlagen können aber ebenfalls nur mit zielgruppenspezifisch zugeschnittenen Maßnahmen entschärft werden, etwa durch eine Aufklärung über elterliche Pflichten, durch Awareness-Kampagnen zur Verringerung von Wissenslücken, durch Klarstellungen bezüglich der Effektivität wie auch der Grenzen bestimmter Schutzinstrumente, durch Hilfestellungen zum Einsatz dieser Instrumente im Alltag sowie durch elternspezifische Angebote zur Orientierung bei der Ausbildung oder Anpassung eigener Medienerziehungskonzepte. Auch das kontinuierliche Bereitstellen von Wissen über neue Medienangebote und mit diesen verbundenen Potenziale und Risiken für Minderjährige gehört zur Verbesserung der elterlichen Wissensbasis dazu.
  • Insgesamt verweisen die Befragungsergebnisse auf die Wichtigkeit einer systematischen und wiederkehrenden Bestandsaufnahme von Sorgen, Erwartungen und Kenntnissen von Eltern und Heranwachsenden im Jugendmedienschutz. Eine Wiederholung oder gar regelmäßige Durchführung von Studien wie dem Jugendmedienschutzindex kann als zentraler Gradmesser gesellschaftlicher Verhältnisse im Jugendmedienschutz, als Indikator der Rückbindung der Politik und Regulierung an gesellschaftlich wahrgenommene Problemlagen und als Ausgangspunkt weiterer jugendschutzpolitischer Debatten und regulatorischer Anpassungen dienen.

 

Zitationsvorschlag:

 

 

Brüggen, Niels; Dreyer, Stephan; Drosselmeier, Marius; Gebel, Christa; Hasebrink, Uwe; Rechlitz, Marcel (2017): Jugendmedienschutzindex: Der Umgang mit onlinebezogenen Risiken – Ergebnisse der Befragung für Eltern und Heranwachsenden.
Herausgegeben von FSM – Freiwillige Selbstkontrolle Multimedia-Diensteanbieter e.V. Online verfügbar unter: www.fsm.de/jugendmedienschutzindex

 

 

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